Form und Vollendung

Einem breiteren Publikum fielen die edlen und gut präsentierten Räder erstmalig auf der Berliner Fahrradschau des vergangenen Jahres auf. Heuer waren sie mit ihren Kleinserienrädern und künstlerisch gestalteten Einzelstücken wieder am Start und fassten nebenbei den „Cycle Award“ in Silber für ihr Urban-Bike „TiRex“ ab… Zeit für einen Hausbesuch bei Matthias Jeschke, der hinter der Unternehmung VELOCiPEDO steht.

Text: Paul Dienster, Fotos: Falk Wenzel

In Halle/Saale treffen wir Jeschke in seiner Wohnung/ Büro/Präsentationsraum/Werkstatt – die Übergänge sind fließend und schnell wird klar, Räder sind ein wichtiger Teil in seinem Leben, nehmen Raum, Zeit und Kraft in Anspruch, sind mehr als eine Fingerübung oder Nebenschauplatz des studierten Designers.

 

 

Das war längst nicht immer so. Zwar fährt Jeschke schon Zeit seiner Jugend Rennrad, aber vom gelernten KFZ-Mechaniker, Berufskraftfahrer, Drucker, diplomierten Produktdesigner und Inhaber einer Grafikdesign-Agentur bis hin zum Fahrradgestalter und -entwickler war es doch ein weiter Weg, den der gut 50-jährige gegangen ist. Man könnte philosophieren, ob es so kommen musste, dass sich die Passion und seine Profession in diesem Punkt trafen. Fakt ist, dass die Ergebnisse, des Ansatzes, beides miteinander zu verbinden, ihm bis jetzt unbedingt Recht geben. Räder, bei denen das Design hochwertig, stimmig und dennoch spielerisch und detailverliebt die Erscheinung prägt.

 

Velocipedo_4061Fein strukturierte Schablonen für den Sandstrahlspezialisten, von Jeschke selbst akribisch präzise aufgeklebt.

Velocipedo_3965… wenn die sandgestrahlten Linien gegen Null laufen.

Velocipedo_3984Die Teststrecke für die fertigen Räder gibt’s gleich vor der Haustür. Was hier auf dem Kopfsteinpflaster besteht, kann auch über so manch anderes Pavé geprügelt werden.

 

Fragt man Jeschke nach dem Sinn und den Beweggründen überhaupt in den prallen Radmarkt eingestiegen zu sein, bekommt man genau diesen Ansatz zu hören. Es geht ihm darum Räder zu kreieren, die nicht nur auf guten Rahmen oder hochwertigen Komponenten oder einer interessanten Lackierung basieren. Ein VELOCiPEDO muss all diese Attribute vereinen und noch mehr. Ein kleines Kunstwerk bisweilen oder zumindest ein formvollendeter Gebrauchsgegenstand, um mit der Sprache des Plastikers zu reden. Dafür arbeitet er mit verschiedenen Partnern wie Rahmenbauern oder Lackier- und Sandstrahlspezialisten zusammen, die seine Vorgaben punktgenau umsetzen sollen. Diese Aufgabenverteilung ist ihm wichtig und notwendig, denn wie er selbst sagt: „Bis ich soweit wäre, einen Titanrahmen in dieser Qualität schweißen zu können, würden vielleicht 10 Jahre vergehen. Diese Zeit habe ich einfach nicht mehr“.

 

 

Er fokussiert stattdessen auf seine Stärken: Räder zu gestalten und zu entwickeln in Form und Funktion. Folgt man Matthias Jeschke und sieht seine leuchtenden Augen, wenn er sich auslässt über „saubere Farbkanten“, Lackqualitäten und sandgestrahlte Linien „die gegen Null auslaufen“ kann man ahnen, dass es für die Auszuführenden indes kein leichtes Spiel ist, den hohen Anforderungen gerecht zu werden. Verschiedenste Anbieter wurden angefragt, dutzende Tests bestritten, bis er jetzt ein Netzwerk gesponnen hat, mit dem es sich arbeiten lässt. Das eigene Anspruchsdenken ist dabei immer der Maßstab und gibt das Ziel vor: ästhetische Tretmaschinen auf höchstem Niveau.

 

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Den selbstgefühlten „Ritterschlag“ diesbezüglich gab es unlängst von Erik Spiekerman. Der von Jeschke schon zu studentischen Zeiten hochgeschätzte Typo- Guro (Autor in fahrstil #7 – mode, d.Red.), selbst leidenschaftlicher Radfahrer, sah die VELOCiPEDO-Räder und kaufte sich kurzerhand einen der limitierten Titan- Stadtflitzer der Serie „fastfoot“.

 

Velocipedo_4026Das obere Rad an der Wand stammt noch aus der Zeit, als Jeschke versuchte, nur die Rahmengestaltung als Dienstleistung für Sponsoren, Firmen und Vereine anzubieten.

Velocipedo_4009Dies hätte eine der ersten Leica- Digitalkameras werden können. Das 3D-Modell war das Ergebnis einer Studie, die Jeschke bereits 1998 für Leica entwickelte. Eine Besonderheit dabei: Ein drehbarer Chip, sodass die Kamerahaltung für Hoch- oder Querformate nicht verändert werden musste.

 

Was will man mehr, könnte man meinen – aber Jeschke will natürlich mehr. Ideen für nächste Projekte gibt es einige. Neu erfinden wird auch er das Rad nicht, aber so viel sei verraten: Die zunehmende Leistungsfähigkeit von 3D-Druckern birgt gerade für Einzelstück- und Kleinstserienhersteller eine Menge Potential für individuelle Lösungen. Wir bleiben gespannt und verweisen für mehr Infos und Bilder von schönen Rädern auf die Internetseite www.velocipedo.de.

 

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Velocipedo_4167Die regelmäßigen Ausfahrten mit den Jungs müssen sein. Räder bauen ohne sie auch selbst zu fahren, kommt nicht in Frage.

 

 

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