„I wanna rock!“

Meterhohe, krasse Drops, radikale Steilabfahrten in ausgesetztem Gelände und ein unverwechselbares, brachiales Lachen – so wurde die 47-jährige, kanadische Freeride-Legende Brett Tippie weltweit bekannt. Fahrstil hat sich mit ihm über sein erstes Arbeitsgerät, Plus-Reifen und die Lehren des Lebens unterhalten.

Interview: Flo Storch, Fotos: Micha Ziegler

Brett, Rocky Mountain hat gerade das 27,5+ Trail-Bike „Pipeline“ vorgestellt. Du bist bereits 1998 das originale „Pipeline“ gefahren und kennst auch die jüngste Ausgabe des Bikes bestens – worin unterscheidet sich das Fahrgefühl beider Bikes am deutlichsten?

Das erste Pipeline von ´98 hab ich natürlich noch in wirklich guter Erinnerung – schließlich war es das Bike, das ich zusammen mit Richie Schley und Wade Simmons als Rocky Mountain „Frorider“-Team die meiste Zeit über gefahren sind. Es arbeitete mit dem sogenannten „Unified Rear Triangle“ (URT)-Hinterbau, bei dem die Kurbeleinheit Teil der Hinterbauschwinge war. Eine ziemlich ungewöhnliche Konstruktion an diesem allerersten Trail-/Freeridebike, das man auf 100, 127 oder 150 mm Federweg einstellen konnte. Und wir haben auf diesem Bike wirklich eine Menge krasser Aktionen gebracht, mit denen wir anderen Fahrern wahrscheinlich um Einiges voraus waren. Die Leute sind daraufhin ausgeflippt – uns eingeschlossen! (die typische, brachiale Tippie-Lache setzt ein). Verglichen mit heute hat sich viel geändert: Die Räder von heute sind unglaublich leicht, habe sehr gute Winkel und funktionieren insgesamt verdammt gut. Man kann unmöglich leugnen, dass sich die Bike-Technologie verblüffend weiterentwickelt hat. Mein Job ist es ja, Rocky dabei zu unterstützen die Bikes noch besser zu machen, aber die Räder sind schon so gut, dass du dich beim Fahren fragst: `Wie sollen die noch besser werden, die sind doch schon unverschämt gut?!´ Naja und trotzdem werden die Bikes jedes Jahr noch mal verbessert und man sieht den gewaltigen Fortschritt heutiger Bikes, wenn man sie mit der damaligen Technik vergleicht. Am neuen „Pipeline“ begeistern mich die fetten Plus-Reifen, die wirklich einfacher über Hindernisse rollen und dir eine freie Linienwahl erlauben. Zusammen mit dem Carbonrahmen und den clever gewählten Winkeln ist das aktuelle Pipeline ein Traum zum fahren. Ich fühl mich geehrt, immer noch ein Teil von Rocky Mountain und progressiver Mountainbiker zu sein – und das mit 47 Jahren. 1998 hätt ich doch niemals gedacht, dass ich in dem Alter noch Bike-Profi bin, der Felsen runterspringt und supersteile Downhills unter die Stollen nimmt.

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Das „Pipeline“ ist ein Mountainbike mit historischer Bedeutung – schließlich war es anno 1998 eines der allerersten Trail-/Freeride-Bikes mit bis zu 150 mm Federweg. Warst du in die Entwicklung des damaligen Modells eingebunden? Und wie kam der Kontakt mit deinem Langzeit-Bikesponsor Rocky Mountain zustande?

Nein, in die Entwicklung des ersten Rocky Mountain Pipeline war ich nicht involviert – ich unterschrieb meinen ersten Fahrervertrag bei Rocky ja erst ´98. Für die ersten Filmaufnahmen für „Kranked 1“ bin ich damals anfangs noch auf einem anderen Bike gefahren und hab versucht, so an einen Sponsordeal zu kommen. Mein erstes Bike war ein Second-Hand-Rad, das ich als Bonuszahlung von meinem damaligen Brillensponsor bekommen hatte. Die fragten mich, ob ein Bike als Bonuszahlung okay wär für mich und ich sagte „ja okay, warum nicht“. Und so bin ich damit eben für die Kamera ein paar kleinere Klippen gesprungen und hab Jumps gemacht. Steile Schotterabhänge bin ich im Sommer auf dem Snowboard runterfahren und so kam´s, dass ich schon Ende der ´80er das Gleiche auf dem Mountainbike getan hab. Gefilmt haben wir die Action aber erst ab ´95, für den Film „Traction“. Richie Schley, ich und ein paar Freunde aus Kamloops waren das Highlight des Streifens, den aber niemand sah: man verbot ihn, weil wir abseits fester Trails fuhren. Also traten wir 1997 in einem weiteren Bikefilm auf und ab ´97 war ich dann für die Filmaufnahmen zu „Kranked 1“ unterwegs. Rocky Mountain hat dann gesehen, was wir da so trieben und Interesse an mir als Fahrer bekundet. Im Herbst ´97 hab ich dann in mich investiert und mir ein Flugticket zur Interbike-Show – damals noch in Anaheim – gekauft und mich mit Rocky zusammengesetzt. Sie wollten mich und so kam ich schließlich ins erste Freeride-Biketeam überhaupt. Zusammen mit Richie Schley und Wade Simmons, der zuvor bereits für Rocky Mountain Downhillrennen fuhr und dann in das Freeride-Team übernommen wurde. Daraus wurde dann schnell das „Frorider“-Team, nachdem sich ein großer US-Hersteller den Namen „Freeride“ markenrechtlich schützen ließ. Noch im Herbst `97 war ich dann auf Bikes von Rocky Mountain unterwegs und bin es seitdem. Der erste „Kranked“-Freeride-Film kam schließlich ´98 raus. Ich bin damals also schon das erste Pipeline gefahren und auch das „Element DH Race“. Die beiden Räder hab ich für einige Jahre bewegt, bis ich dann einen Prototyp des „RM 9“ bekam, auf dem Dave Watson damals Downhillrennen bestritt. Damit konnte ich dann wirklich wilde Sachen machen.

Basierend auf deinen Erfahrungen: Was ist die ideale Reifenbreite für einen Plus-Bikereifen?

Das lustige ist, dass ich in den 90ern schon mit einem 3.0“ breiten Gazaloddi-Reifen von Nokian am Vorderrad experimentiert und schließlich wieder auf einen 2.5“-Schlappen gewechselt hab, den ich über Jahre immer mal wieder genutzt hab. Ab und an hab ich am Vorderrad aber auch einen 2.7“ breiten Maxxis Mobster aufgezogen, dessen Fahrqualitäten ich wirklich geschätzt hab. Interessant ist auch, dass ich vor einigen Jahren davon hörte, dass Downhill-Worldcup-Racer Aaron Gwin zeitweise auch auf einem 2.7“-Vorderrad- und einem 2.5“-Hinterradreifen unterwegs war. Bei mir ist es eine gute Zeit lang her, dass ich auf so breiten Reifen unterwegs war, ich denke aber, dass die 2.8“ breiten 27.5+ Reifen für viele Fahrer sehr gut geeignet sind. Ich werde die Plus-Reifen auch noch intensiver testen. Ich muss dann nur wieder meiner Frau erklären, dass ich nicht zum Spaß, sondern zum testen und arbeiten Rad fahren gehe. Schau her, Schatz, das ist alles harte Arbeit hier! (lacht). Ich persönlich fahr gern mit einem 2.5“ breiten Reifen.

Du hattest in deinem Fahrerleben jede Menge Bikes unterm Hintern – von welchem würdest du dich auf gar keinen Fall trennen?  

Das Bike, das bei mir daheim immer noch an der Wand hängt und das ich nie verkaufen werde, ist ein Rocky Mountain „Flatline“ mit weißer Glow-in-the-dark-Lackierung, die bei Dunkelheit leuchtet. Und zwar wirklich leuchtet – damit kannst du sogar lesen! Meine Glow-in-the-dark-Waffe, wobei ich mich nachts ja eher als eine „Grow-in-the-dark“-Waffe sehe (dröhnendes Lachen). Egal ob Bikes, Schuhe, Handschuhe, Helme: Ich liebe einfach Sachen, die nachts leuchten. Nachts sieht mein Flatline in weißer Leuchtfarbe natürlich spitze aus und es ließ sich prima für meine zahlreichen Nightrides nutzen. Ich bin damit dann spät Abends ausgerückt und nachts biken gegangen, wenn meine beiden Kinder und meine Frau schon schliefen. Auf meinem hell leuchtenden Flatline war das super. Mittlerweile hängt zwar nur noch der Rahmen an der Wand, aber trenne würd ich mich davon nie. Zu manchen Zeiten gehe ich täglich nightriden. Für mich ist das großartig, weil ich tagsüber manchmal mit zwei Kindern nicht zum biken komme und ja keinen Alkohol mehr trinke – also keinen Grund hab, eine Bar zu besuchen.

Die größte Lektion, die du als Fahrer gelernt hast?

Ein Bike zu fahren ist sehr hilfreich fürs Leben im allgemeinen, da gibt´s Parallelen. Du kannst auf schlechte oder gute Trails zusteuern, genauso, wie du dich im Leben auf guten Straßen und Irrwegen bewegen kannst. Mountainbiking verkörpert für mich das Leben, bei dem man sich eben auch auf den Weg macht, auf einen Trail begibt. Mountainbiking hat da einen symbolischen Wert. Nelson Mandela hat mal gesagt „Ich verliere nie. Entweder gewinne ich oder ich lerne“. Und wenn du bei einem Drop oder in einer Steilabfahrt stürzt, lernst du von deinen Fehlern und beim nächsten Versuch hast du es dann drauf. Ich hab durchs Biken gelernt, mich bewusst für Herausforderungen zu unterscheiden. Manchmal bedeutet Größe auch, nein zu sagen. Als ich jünger war, war ich immer dieser „Ja“-Typ, der Einiges für die Kamera gemacht hat, von dem er zuvor selbst nicht wusste, ob es überhaupt. Ich war stets bereit, noch weiter und größer zu gehen und hab dafür auch eingesteckt. Aber jetzt bin ich älter, hab zwei Kinder und muss niemandem mehr etwas beweisen. Ich fahr, weil ich es einfach liebe und hab heute keinen Druck mehr, mir den nächsten Sponsorvertrag zu sichern.

Macht das Mountainbiken so jetzt mehr Spaß?

Klar! Es macht mehr Spaß und ist entspannter. All die jüngeren Fahrer müssen ja soviel beweisen und voll durchziehen. Heute Profi-Freerider zu sein, muss unglaublich anspruchsvoll sein, weil du so viele verrückte Tricks bringen musst, um bleibenden Eindruck zu hinterlassen und dir einen Namen zu machen. Um neue Verträge zu bekommen, musst du gewissermaßen immer wieder dein Leben riskieren. Ich kann aber selbst bestimmen, wenn ich das tun will und hab beschlossen, mein Leben nicht mehr zu riskieren. Trotzdem springe ich noch 6 m hohe Drops und fahr Steilabfahrten, was nur wenige Leute machen. Wade Simmons und ich sind in Whistler eine Line gefahren, bei der Cam Zink und Andreu Lacondeguy nein gesagt haben. Ich hab die Line viermal versucht und einmal geschafft, Wade fuhr sie zweimal und hat sie einmal gepackt.

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Und was hat dir das Leben als Mensch beigebracht?

Ich denke, was mich das Leben als Mensch gelehrt hat und wonach ich gelebt hab, versinnbildlicht ein Zitat von Henry Rollins, Sänger der Punkband Black Flag, am besten. „Es gibt kein nächstes Mal, keine verbleibende Zeit, keine Freizeit, sondern nur Lebenszeit. Also los!“ – ich liebe dieses Zitat. Und dann gibt´s da noch ein tolles von meinem Großvater, Lawrence Tippie, nach dem ich lebe: „Lebe dein Leben so, wie du willst, dass man sich daran erinnert“. Egal, ob du ein guter oder ein schlechter Kerl, faul oder vor Energie strotzend bist – lebe dein Leben, es ist deins. Schließlich hab ich von meinem Vater etwas gelernt, dass ich immer als sehr kraftvoll empfunden hab; „Die Tugend ist sich selbst Auszeichnung genug“. Und wenn du meine Lebensphilosophie in einen Song verpacken kannst, dann diesen: `I wanna rock, I waaant to rooockk!´ (Tippie kreischt aus voller Kehle den Twisted Sister-Klassiker, sein linkes Bein dient ihm als Gitarrenersatz). Der Soundtrack meines Lebens!

Verblüffend ist ja, dass du dich in all den Jahren als Profibiker nie großartig verletzt hast, richtig?

Ja, ich hab mir nie wirklich etwas gebrochen, da hatte ich immer viel Glück! Das liegt wahrscheinlich an meinem stämmigen Körperbau und meiner Herkunft; ich hab ja unter anderem deutsches, estnisches und indianisches Blut in mir (lacht). Ich hatte Glück, dass ich mir keine Bänderrisse, Gehinrerschütterungen oder Ähnliches zugezogen hab. Kürzlich bin ich allerdings beim Snowboarden in eine Lawine geraten, die mich auf den Kopf gedreht und 60 m lang durch die Bäume geschleift hat. Dabei hab ich mir meinen Arm ausgekugelt und mein Knieinnenband gerissen. So musste ich aus dem Backcountry ins Krankenhaus laufen. Das passierte gegen zwei Uhr nachmittags – Abends um neun war ich schließlich in der Klinik. Es war ziemlich dramatisch und ich wäre beinahe gestorben. Ich bin glücklich, immer noch biken und snowboarden zu können!

Der momentan beste Bikespot der Welt?

Für mich das British-Columbia-Dreieck, bestehend aus North Vancouver, Whistler und Kamloops. Es ist einfach unglaublich an der North Shore zu fahren und auch der Grund dafür, warum ich in North Vancouver lebe. Dort gibt´s sehr unterschiedliches Gelände, aber ich liebe auch Whistler und Kamloops. Ich bin in der glücklichen Position, dass mir Leute auf der ganzen Welt die besten Trails zeigen, aber wenn ich wirklich nur einen Bikespot auswählen sollte, dann ist es genau dieses Dreieck in BC mit North Vancouver, Whistler und Kamloops.

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