Trondheim – Oslo: Marbods Rennbericht

540km von Trondheim nach Oslo. Der Rennverlauf unseres Kolumnisten Marbod Jaeger im Stenogramm.

KM 0
ich gebe meine Regenjacke vor dem Start den Betreuern, weil es ja nicht regnet.

KM 3
leichter Nieselregen setzt ein.

KM 5
für die nächsten 100 km geht der Niederschlag in stärkeren Regen über.

KM 6
nasse Schuhe

KM 30
ich bin ziemlich durchgefroren. Auf den Hinweistafeln ist Oslo noch über 500 km entfernt.

KM 75
beim Versuch, in die hinteren Trikottaschen zu greifen, reißt der Verschluß meiner Weste von unten auf. ich bin jetzt bei 6°C und Regen quasi nackt. Bei der schnellen Fahrt kann ich mit den klammen Händen, die ohnehin kaum noch präzise lenken können, den Reißverschluß nicht bedienen. Ich muss anhalten!!! Die Gruppe zieht davon. Mit zittrigen Fingern gelingt es irgendwann die Weste wieder zu schließen. Verfolgung bergauf, ich weiß, dass ich es schaffen kann.

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KM 90
beim ersten gemeinsamen Stopp stelle ich beim Pinkeln fest, dass meine Eichel blutig gescheuert ist.

KM 100
mein Genitalbereich ist taub. Immerhin habe ich jetzt wieder eine Regenjacke und lange Handschuhe an.

KM 180
die ersten 4 Leute haben wir schon verloren. Starker Gegenwind auf der Hochebene.

KM 190
Stopp2: ich stelle fest, dass ich das falsche Kabel für den Ersatzakku eingesteckt habe. Strava-Aufzeichnung im Arsch!! Mein Tag ist jetzt eigentlich im Eimer.

KM 195
ein erster Sturz in der Gruppe. Jemand ist aus Unachtsamkeit auf den Vordermann aufgefahren. Teamchef Axel ist involviert.

KM 200
für die nächsten Stunden schiebt uns ein Rückensturm! Die Sonne kommt raus. Es wird wärmer.

KM 270
ich halte es nicht mehr aus und lasse mich ans Ende der Gruppe zurückfallen. Dort pisse ich auf mein Oberrohr.

Um nicht zu weit zurückzufallen bei 45 km/h, muss ich die Aktion in zwei Phasen einteilen. Der Motorradpolizist hinter mir überholt grußlos.

KM 300
wie bisher bei jedem 2 Minuten Stopp, verplempere ich 80 % der Zeit mit urinieren. In der Hektik der restlichen Zeit greife ich ohne System in die Verpflegungskiste. Gummibärchen sind das Beste!

KM 350
die Vorderleute zeigen schon lange keine Schlaglöcher mehr an.

KM 400
ich bin ein weitaus größerer Wackelkandidat als Marion. Ohne sie hätte ich längst aufgegeben. 70 % der Gruppe denkt so. Immerhin habe ich heute erstmals keine Schmerzen mehr in der Blase. Dafür müssen aber ca. 10 km wegen Straßenbaustelle auf Schotter zurückgelegt werden.

KM 410
an einem Hügel fährt eine grölende Gruppe größerer Kinder parallel auf dem Radweg neben uns her. Auf der anderen Seite stehen die Eltern und feuern sie lautstark an. Wenn sie das heute bei jeder Gruppe machen, habe sie auch ihr Ding gemacht!

KM 430
plötzlich sind meine Knieschmerzen verschwunden. Wir sind in Phase 3. Jetzt bin ich im Besonderen für die Führrungsarbeit eingeteilt. Es läuft wie von selbst. Ich kriege gar nicht genug. Das Beste: ich muss keinen der anderen sehen.

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KM 510
es ist immer noch nicht ganz klar, was heute noch Unangenehmes passieren kann. Momentan habe ich keine Probleme.

KM 520
ich werfe den letzten Activator ein. Etliche Mitfahrer müssen den Hügel hochgeschoben oder sonstwie motiviert werden. Marion ist gut drauf. Axel hat Tränen in den Augen.

KM 535
es will kein Ende nehmen

KM 540
das große Glücksgefühl bleibt aus. Obwohl außer Axel bisher niemand aus der Gruppe eine so gute Zeit erreicht hatte. 15 Stunden, 43 Minuten. Wenn man die Pausenzeit abzieht, lag der Schnitt bei 35,3 km/h. Marion ist schnellste nichtnorwegische Frau aller Zeiten.

IMG_0649 Marbod, Marion und Axel.

Als ich um 6 Uhr morgens vor dem Hotel an der Haltestelle auf den Bus zum Flughafen warte, kommen immer noch viele Fahrer vorbei. Nie in Grüppchen. Alle einzeln. Aber sie haben es gleich geschafft. Es regnet inzwischen wieder ordentlich.

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Im gleichen Zug ist auch unser Fotograf Kay Tkatzik ins Ziel gerollt. Gunnar Fehlau hat als Einzelstarter erfolgreich gefinisht.