Ein Rad für alles

 


Erik Nohlin. Industriedesigner. Schwede in San Francisco. Specialized´s Mann, wenn es um Abenteuer geht. Er war mitverantwortlich für das in fahrstil gezeigte AWOL (#13 – musik) und hat nun mit dem Sequoia ein neues Pferd im Stall. Auf ein Bier mit einem, durch dessen Adern Kettenöl fliesst.

Interview und Fotos: Michael Ziegler

 

Was fasziniert Dich am Fahrrad?
Wie ein von Menschenhand geschaffenes Objekt für so viele natürliche Glücksgefühle sorgen kann. Je mehr Kraft Du hineinsteckst, desto mehr Freiheit bekommst Du und gehst deine Verbindung mit der Umgebung und Natur ein. Die Fähigkeit eine Geschwindigkeit von 60 km/h zu erreichen und dafür nur Deine natürlichen Ressourcen einzusetzen ist brilliant und viel effizienter als ein Auto zu fahren. Das Fahrrad als Erfindung ist so einfach und rein, es ist das perfekte Werkzeug um mich überall hin zu bringen, physisch und mental. Auf dem Fahrrad habe ich mich oftmals in verschiedenste Nöte gebracht und vieles überlebt.

 

 

Was für eine Rolle spielt das Fahrrad in der US-Gesellschaft?
Kalifornien, genauer San Francisco, wo ich lebe, hat eine sehr kleiner aber dafür sehr laute Radszene. Da denkt man, dass mehr Leute Rad fahren als es tatsächlich tun. Die Infrastruktur und das Bewusstsein sind immer noch erschreckend klein im ganzen Land, welches ja quasi um das Auto gebaut ist. Aber wir sind auf dem richtigen Weg. San Francisco ist flächenmäßig klein, da machen selbst kleine Verbesserung in Sachen Infrastruktur große Unterschiede aus. Man ist wirklich überall schneller mit dem Rad als mit dem Auto oder den öffentlichen Verkehrsmitteln. Fast alle meiner Freunde hier sind Millennials (zwischen 1980 und 1999 geboren, d. Red.) und haben sich nie ein Auto angeschafft, mit solch einer starken Basis sehen wir einer positiven Zukunft für das Fahrrad entgegen. Außerdem interessant: Der Erwerb von Rennlizenzen steigt nicht mehr so stark an, dafür nimmt der Anteil an Abenteuer und „Open Road Riding“ enorm zu, das finde ich gut. Fahrradfahren wird langsam wieder zu einer Art selbstgewähltem Lifestyle, die Zeit als Radfahren vom Radsport als Geisel genommen wurde scheint vorbei zu sein. Ich möchte den Radsport als eine der vielen Facetten des Radfahrens im großen Kontext sehen. Leute, die sonst Pickups fahren und nun auf das Rad umsteigen, werden aber einen viel größeren Einfluss auf unsere Gesellschaft haben.

 

 

Und wie trägt Specialized als Firma dazu bei?
Die schiere Größe des Angebots und der Verkäufe sind ein starker Motor. Unser Ziel: Gute Räder bauen und dadurch Leute auf diese bekommen. Dass Specialzied in Kalifornien groß ist hat ganz natürliche Gründe. In den letzten Jahren haben wir viel an den Einstiegsmodellen gemacht, verbessert, den Bedürfnisse der Fahrer angepasst. Außerdem passiert viel hinter den Kulissen, Arbeit mit den Gemeinden, mit Schulen – damit wird die Kids auf´s Rad bringen. Sie sind schließlich unsere Zukunft. In Bezug auf meine Tätigkeit „Adventure and Open Road“ kommen bald viele interessante neue Produkte, welche den Fahrern ermöglichen werden Neues zu entdecken, außerhalb den heutigen Formen von Abenteuern und Rennen. Da ist es von Vorteil bei einer Firma zu sein, die eine ganzheitliche Erfahrung im Fokus hat, nicht nur ein Fahrrad. Also neben dem Rad auch Helme, Schuhe, Bekleidung, Lichter und mehr. Also eine Komplettlösung.

 

 

Glaubst Du, dass das Fahrrad oder E-Bike das Automobil in Sachen Mobilität in naher Zukunft herausfordern kann?
Ja, klar. Auch wenn gute Dinge bei großer Geschwindigkeit passieren können, sind Autos dumm und ineffizient. In San Francisco ein Auto zu besitzen, macht keinen Sinn, egal mit welchem Antriebssystem. Ich sehe Familien, die in E-Bikes investieren um ihre Kinder zur Schule oder in den Kindergarten zu bringen. Seit etwa 3 Jahren passiert das, die Produkte werden besser – es kommt definitiv. Auch die klimatischen Umstände hier tragen vermutlich dazu bei, ein größeres Bewusstsein, kaum Regen. Auch das kommt dem Fahrrad entgegen, genauso wie der zweimal tägliche Verkehrsstillstand zur Rushhour. Da hat das Rad einfach Vorteile, egal ob in puncto Umwelt oder persönliche Gesundheit.

E-Bikes boomen in Europa. Werden sie in den USA den selben Erfolg haben? Wann? Und wenn nicht, warum?
Ja, in ein paar Jahren. Die europäischen Radfahrer bringen das Thema voran und die amerikanischen werden langsam folgen. Ich vermute, dass in einigen Jahren viele Räder mit einem elektrischen Antriebssystem gekoppelt werden könne. Nicht, dass alle einen Motor haben werden, aber eine Modular-Lösung. Es macht einfach viel zu viel Sinn für den Durchschnitts-Radfahrer, um sich dieser Entwicklung zu verwehren. Abgesehen vom Sport ist der gesellschaftliche Stellenwert des Fahrrads in Europa noch viel höher, auch dort ist der E-Bike-Höhepunkt noch lange nicht erreicht. Es verändert sich so schnell und als globale Marke haben wir uns diese Gedanken natürlich längst gemacht. Wir sitzen ja nicht Däumchen drehend hier rum.

 

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Was war die letzte große Entwicklung oder Neuerung? Eine Art Game Changer – egal ob technisch oder im sozialen Kontext …
Wahrscheinlich, dass die Städte das Fahrrad als nachhaltiges Mobilitätskonzept viel mehr miteinbeziehen. Besserer Radwege für sicheres Fahrradfahren. Die Stadtplanung um das Fahrrad hat viel größeren Einfluss als technische Neuerungen am Rad selbst. Wir können über Tubeless oder sogar luftlose Reifen sprechen, Aerodynamik oder Sichtbarkeit am Tag, aber für die tägliche Radfahrt ist eine sicherere Umgebung und Infrastruktur viel wichtiger.

Und was wird der nächste sein?
Da wird es nichts spektakulär neues geben. Das Fahrrad entwickelt sich langsam und stetig weiter in vielen Hinsichten, aber Radfahren ist viel zu diversifiziert um über eine große Neuerung zu sprechen. Materialien entwicklen sich weiter, Herstellungsprozesse werden besser und wir werden sicher spannende Dinge erleben, egal ob in Stahl, Alu oder Verbundstoffen. Aber ich sehe hier kein Paradigma in naher Zukunft. Als Designer strebe ich danach, bessere Räder zu entwickeln – nachhaltiger, preiswerter. Jeden Tag machen wir kleine Schritte in diese Richtung, aber ich glaube nicht das es so etwas wie Revolutionen geben wird. Da ist zu sehr Klischee und die Wirklichkeit zu komplex. Wenn eines Tages das Fahrrad den Status eine Autos hat und die Leute gewillt sind genauso so viel Geld auszugeben. Dann können wir über Game Changer – Durchbrüche, Neuerungen oder Revolutionen – sprechen.

 

 

Wie wird das Fahrrad in fünf Jahren aussehen?
Genauso wie heute, nur ein bisschen besser. Mehr passende Auswahl für verschiedenste Bedürfnisse. Die größten Veränderungen wird es wohl in Sachen Mobilität und Transportwesen geben, egal ob für Kinder, Lebensmittel oder Bike Packing. Viele neue Produkte werden ein verzweifelter Versuch und Marketing-Schwachsinn sein, getarnt als Differenzierung, im Kampf um Marktanteile und ohne wirkliche Existenzberechtigung, außer derer, einfach ein neues Rad zu sein. Ich werde alles mir Mögliche tun für bessere, leichter zugängliche und nützliche Produkte. Schluss mit dem Unsinn, ich will einen Unterschied machen – authentisch und cool.

Welche Pläne hat Specialized in nächster Zeit?
Wir haben so ein riesiges Angebot an Raderlebnissen, da ist es schwer über eine allgemeine Richtung zu sprechen. Natürlich wollen wir das Vertrauen der Fahrer gewinnen, die Marke ihrer Wahl werden – das bestmögliche Produkt anbieten, egal für welche Radgattung. Generell haben wir den Anspruch und Ansatz Lösungen anzubieten, welche die Bedürfnisse der Radfahrer befriedigen, egal aus welchem Material und für welchen Radtyp oder Fahrertyp wir gestalten und entwickeln. Da wie vorher angesprochenen im Rennsport nicht mehr das ganz große Wachstum herrscht, geht es jetzt mehr darum den Leuten nicht genau zu sagen, was sie tun sollen, sondern sie es selbst herausfinden zu lassen und dazu das passende Produkt anzubieten. Ich bin dem Erkundungs- und Radwandergedanken sehr zugetan und werde sicher hier meinen Fokus setzen.

 

 

Wenn Du nur eines deiner Räder behalten könntest – welches wäre es?
Das wäre mein neues Specialzied Sequoia, an welchem mein Team und ich die letzten zwei Jahre gearbeitet haben. Es bringt mich schnell durch die Stadt, begleitet mich auf einem 600km-Brevet, fährt Gravel und Trails in den Marin Headlands oder taugt als Touren- und Bike-Packing-Rad. Eines der am vielfältigsten einsetzbaren Räder auf dem Markt und ein verdammt gutes für viele verschiedene Leute. Ich habe keinen Platz für vier Räder, da macht es Sinn eines zu haben, das fast alles kann.

Dein letzter Ride?
Ich bin auf dem Sequoia vor kurzem den 600km-Brevet nach Fort Bragg gefahren. Meinen sechsten, zusammen mit den San Francisco Randonneurs. Bald fahre ich das Sverigetempot, ca. 2.100 km, einmal Schweden von oben nach unten. Außerdem fahre ich jeden Tag zur Arbeit, in der Mittagspause und zurück nach Hause. Ich bin ein Bikeholic, der jede Minute ein Rad um sich braucht. Jeden Tag kann man die verschiedensten neuen Rides machen.

Und Deine liebsten Strecken?
Alles was nördlich von San Francisco Asphalt und Dirt vereint. In den Marin Headlands und um den Mt. Tam gibt es super Strecken, und alles nur 30 Minuten vor meiner Haustüre. Diese endlosen Kombinationen von Straßen und Trails machen mich glücklich. Das herausfordernde Terrain direkt an der Pazifikküste macht jede Ausfahrt zu einem Erlebnis.

 

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Das Interview stammt aus dem Mai dieses Jahres. Sverigetempot, 2.100 Kilometer durch Schweden, von Norden nach Süden, hat Erik mit seinen Mitstreitern erfolgreich beendet. Mehr dazu auf The Radavist oder auf Eriks Instagram Seite.

 


Vier Wochen ist fahrstil-Autor Micha Ziegler in Sachen Radkultur durch die USA getourt. Seine Beobachtungen und Berichte teilt er nach und nach auf dem Journal mit.