Zu Besuch bei Rock Lobster

Tapetenwechsel. Entgegen dem farbenfrohen San Francisco und der Schnelllebigkeit im Valley, scheinen die Uhren in Santa Cruz etwas langsamer zu ticken. Abgeschirmt von der Santa Cruz Mountain Range, kommt einem die Westküsten-Enklave wie Blase vor, voll mit Surfbrettern und Fahrrädern. Die Luft voll von kreativen Energien und diesem süßlichen Geruch. In einem eher industriellen Teil der Stadt, nur einen Steinwurf von den beiden weltbekannten Mountainbike-Herstellern entfernt, steht ein etwas in die Jahre gekommener Industriekomplex, auf dessen Rückseite sich mehrere Werkstätten befindet. In einer dieser baut Paul Sadoff Maßrahmen von Hand. Über dem Eingang hängt ein Schild, jeder der elf Buchstaben ist eingerahmt in ein schräges Viereck. Rock Lobster.

Text und Fotos: Michael Ziegler

 

 

In deiner Werkstatt hast du einige Gitarren stehen, der Name Rock Lobster geht auf einen Song zurück. Lass mich raten – Musik spielt eine große Rolle in deinem Leben?
Etwas ungewöhnlich, aber in den letzten Jahren haben mir verschiedenste Leute Gitarren geschenkt. Ich hatte immer nur eine Werkstatt-Gitarre, jetzt sind es acht. Manchmal übe ich hier nach der Arbeit. Früher habe ich in Bands gespielt.

Nicht mehr?
Hin und wieder, aber ich habe hier ganz gut zu tun. Außerdem haben ein paar, mit denen ich Musik gemacht habe, aufgehört zu spielen, andere sind gestorben. Dieses Jahr habe ich etwa fünf mal vor Publikum gespielt.

Was für Musik spielst du?
Viel Blues, Rock’n’Roll – Musik aus den 60ern und 70ern.

 

 

Die Gitarre, Musik machen – ist das so etwas wie ein Gegenpol zum Handwerk des Rahmenbauens?
Es ist sehr verschieden. Einen Rahmen zu bauen, ist ein Prozess von einer gewissen Anzahl an Stunden. Man erhält ein Produkt, das dann für eine gewissen Anzahl an Jahren hält. Wenn du ein Lied spielst, ist es sofort danach wieder weg. Es ist eine andere Art der Erfüllung. Die Musik macht mir großen Spaß. Genauso wie die Arbeit hier in der Werkstatt, ansonsten würde ich es nicht tun. Musik zu machen beinhaltet eine unmittelbare Bestätigung oder eben den totalen Misserfolg – je nach dem wie es läuft.

 

 

Seit wann baust du Rahmen?
Meinen ersten Rahmen habe ich 1978 gebaut, seit Januar 1988 als Full-Time-Job. Davor habe ich zwar schon ein paar verkauft, aber es war ein Hobby. Damals dachte ich nicht, dass ich jemals in Vollzeit Rahmen bauen würde.

Es gab Zeiten in denen du mit dem Gedanken gespielt hast, die Firma zu vergrößern…
Ja, daran dachte ich. Damals, als Bontrager noch von Keith Bontrager und Salsa noch von Ross Shafer geführt wurde, kam ein Typ auf mich zu. Er vertrieb die beiden Marken in England und Deutschland und wollte eine dritte, schon etablierte US-Marke um das Portfolio preislich nach unten abzurunden. Also importierte ich Rahmen aus Taiwan, kontrollierte die Qualität, klebte die Decals drauf, verpackte sie und schickte sie nach Europa. Das machte ich für ungefähr sechs Jahre. 1998 habe ich damit aufgehört. Es war einfach so ein Gefühl … Ich mag es einfach lieber Rahmen zu bauen, als eine Firma zu führen. Ich bin kein Verkäufertyp – lieber verbringe ich meine Zeit damit, das zu tun, was ich gerne mache. Ich muss nicht reich sein, wahrscheinlich bin ich auch nicht dazu bestimmt. Ich weiß auch nicht, ob ich dazu bestimmt bin Rahmen zu bauen, aber ich mache es gerne. Und ich werde immer besser darin. Trotzdem gibt es noch genügend Raum sich zu verbessern. Der Kunde sagt zu mir: „Das ist ein wunderschönes Rad.“ Ich sage zu ihm: „Warte fünf Jahre, dann baue ich dir ein noch viel schöneres.“

 

 

Bist du ursprünglich aus Santa Cruz? Liegen hier dein Wurzeln?
Ich bin aus Los Angeles, aber lebe schon mein halbes Leben hier.

Ich frage, weil in Santa Cruz viel Kreatives und Hochwertiges zu entstehen scheint. Ist der Boden hier fruchtbarer als anderswo?
Die Fahrradhersteller sind hier, weil man so gut fahren kann. Giro ist irgendwann aufgekauft worden, genauso Santa Cruz Bicycles. Diese großen Muttergesellschaften hätten die Firmen überall hin umziehen können. Aber sie haben den Wert dieses Standortes erkannt. Leute die nicht im Mainstream arbeiten möchten, der Technologie- oder anderen Industrien, zieht es hier her. Sie arbeiten dann in Café, Surf-Shops, Radläden oder eben der Radindustrie. Sie werden niemals reich damit werden, machen aber das, was sie lieben, mit Leuten, die genauso denken. Die Fahrradfirmen wissen, dass sich alles was sie machen auf das Radfahren zurückführen lässt. Deshalb ermutigen und fördern sie ihre eigenen Leute dabei.

 

 

Wie gehst du als Rahmenbauer mit neuen Materialien und Industrie-Standards um?
Ich muss die Entwicklungen mitmachen, da habe ich keine Wahl. Einiges macht ja Sinn, anders ist nur dazu da, die Verkäufe anzukurbeln. Ich mag neue Dinge, die tatsächlich besser sind. QBP hat für seine Hausmesse Frostbike fünf oder sechs Custom-Räder bauen lassen – eines davon kam von mir. Sie haben mir die Teile geschickt und ich durfte sie nach der Show behalten. SRAM Force CX1 Gruppe, Whisky Carbon-Gabel und Felgen, Industry Nine Namen. So ein Rad hate ich bis dahin nicht besessen und – Donnerwetter! In vielerlei Hinsicht ist es besser. Manchmal muss ich mehrere Tausend Dollar investieren um die Maschinen an die neuen Standards anzupassen. Eine Weile habe ich mich dagegen gesträubt, aber das geht einfach nicht. Die Räder müssen mit der Zeit gehen, außer man spezialisiert sich auf Retro- und Nostalgie-Räder, etwas für Leute, die die L’Eroica fahren möchten.

Apropos, die L’Eroica expandiert ja stark – auch nach Kalifornien…
Eine wunderschöne Tour, aber auch sehr schwierig. Ich denke, viele Leute melden sich an ohne zu wissen, wie hart die L’Eroica ist und am Ende müssen sie laufen oder abbrechen. Ich bin letztes Jahr mitgefahren und habe viele Fahrer mit technischen Problemen am Straßenrand gesehen. Darüber habe ich auf meinem Blog geschrieben und so ein Typ ist richtig wütend geworden. „Du solltest nicht mitfahren, du verstehst den Geist der L’Eroica nicht.“ Aber ich verstehe es, gut vorzubereiten zu sein, ein Rad dabei zu haben, das funktioniert und damit eine gute Zeit zu haben. Im Gegensatz dazu, sich zu verkleiden, das passende Rad zu haben und dann damit richtig auf die Schnauze zu fallen. Im Ernst jetzt – das macht doch keinen Spaß? Wir wollen Leute für den Radsport begeistern, und sie nicht durch schlechte Erfahrungen davon fern halten. Ich mag alte Fahrräder, aber ich habe nicht diese Sammlermentalität. „Das ist nicht die richtige Schaltzughülle, das ist nicht das originale Lenkerband. Warum fährst du moderne Speichen?“ Es ist immer noch ein Fahrrad, es muss funktionieren.

 

 

Hier hängen eine Menge Räder an der Decke. Hast du so etwas wie ein Lieblingsrad?
Mein blaues Single-Speed-Mountainbike. Ich fahre es nicht mehr seit 2008, aber davor bin ich es von meinen Mountainbikes am meisten gefahren. Es hat es sogar auf das Titelblatt der Mountain Bike Action geschafft – das war ziemlich cool, aber völlig unerwartet. Ich war damals so pleite, dass ich alle Leute, die ich in der Bike-Branche kannte nach Teilen gefragt habe. Mavic gab mir die Felgen umsonst, RockShox eine der ersten SID-Federgabeln, Ross Shafer schenkte mit den Sattel und Lenker und von Paul Components  bekam ich die Bremshebel. Damals, 1999, war es „State-of-the-Art“. Und es fährt sich so gut – einfach magisch.

Neben Rock Lobster hast du dich mit Bruce Gordon zusammengetan um unter dem Schnozola Rahmen zu bauen. Wie kam es dazu?
Ich wollte unbedingt etwas mit Bruce machen, weil er einer der Gründe dafür ist, dass ich angefangen habe Fahrräder zu bauen. 1977 habe ich in einem Radladen gejobbt, dort hingen eine Menge hochwertiger Rahmen aus Europa, die damals als Non-Plus-Ultra galten – aber auch ein Bruce Gordon. Es war der beste Rahmen im Laden – einfach nur wundervoll gefertigt. Leider war es eine 58, also zu groß für mich. Wäre es eine 56 gewesen, hätte ich vermutlich versucht ihn zu kaufen, auch wenn ich sechs Monate gebraucht hätte, ihn abzubezahlen. Das Rahmen-Set kostete damals $595 und ich verdiente nur um die $2,30 pro Stunde. Also entschied ich mich für einen Bob Jackson und zahlte $50 an. Ich hatte kaum Geld, irgendetwas passierte und ich brauchte die $50 zurück. Etwas später dachte ich mir – wieviel kostet eigentlich ein Rohrsatz? Ein Typ, der gerade mit dem Rahmenbau aufhörte, verkaufte mir einen Satz Reynolds Rohre für $60. Irgendwo her bekam ich noch einen Rohrsatz für $30. Dann lernte ich Ross Shafer kennen – er half mir die ersten beiden Rahmen zu bauen und gab mir viele Ratschläge. Und ganz langsam merkte ich, dass Rahmen aus den USA auch ganz vorne mitspielen können. Bruce Gordon und sein Rahmen öffneten mir dahingehend die Augen.