Praktisch finnisch mit ästhetischem Finish

„Pelago steht für praktische und zuverlässige Fahrräder, Fahrräder, die einfach zu warten sind, in der Stadt funktionieren, aber genauso auf Touren durch die umliegende Natur, im Sommer und im Winter. Trotzdem dürfen sie dabei gut aussehen“, so die Kurzfassung von Timo Hyppönen, einem der beiden Gründer. Der andere ist sein Bruder Mikko. Ihre Geschichte vor der Geschichte: Kurz nach der Jahrtausendwende fangen die beiden an, alte Rahmen und Räder zu restaurieren, diese mit ordentlichen Komponenten zu versehen und dann zu verkaufen. Auch wenn wirtschaftliche Erfolge wegen hoher Ein- und Verkaufspreise ausbleiben, entwickeln die Brüder damals ein Gespür.

Text: Michael Ziegler, Fotos: Falk Wenzel


„Es gab nur billige oder sportliche Räder, nichts dazwischen, was Fahrradfahren in der Stadt attraktiv und liebenswert machte. Nichts, was einen Lebensstil unterstützt, wie es etwa mit Klamotten oder auch Autos der Fall ist. Keine Räder, die Funktionalität, Design und Budget vereinten.“ Die Vision der eigenen Fahrradmarke manifestiert sich. Nach etlichen euphorischen Gedankenspielen, gefolgt von kritischem Abwägen, akribischer Recherche und Auswahl von Rahmenherstellern, Zulieferern und Partnern, erfolgt 2009 die Firmengründung. Zu Beginn besteht das Pelago-Portfolio aus zwei Modellen, für die Dame das Brooklyn, für den Herrn das Bristol. Klassisch-schlichte Stadträder, wahlweise als Singlespeed oder mit Nabenschaltung.

Sieben Jahre später bieten die Finnen zehn Serienmodelle an, vom eben erwähnten puristischen Stadtflitzer über vollausgestattete City- und Tourenräder wie das Hanko, bis zur Allzweckwaffe Stavanger. Bei Pelago, von Beginn an als internationale Marke ausgerichtet, heißt das dann „multipurpose“. Neben dem Sibbo hat man mit dem Saimaa seit diesem Jahr einen weiteren schnellen Allwege-Disc-Renner im Programm. Auch wenn sich die Räder im Webshop ordern lassen, ist Pelago eine enge Zusammenarbeit mit den Händlern enorm wichtig.

 

Das Netz umfasst mittlerweile über 130 Fahrradläden weltweit, die meisten in Europa, einige auch in Japan. In Deutschland führen stolze 25 Händler die Räder aus Helsinki. Da kommt es international durchaus mal vor, dass ein eher stoisch-emotionslos ausgesprochenes Pelago zum heißblütigen italienischen „Pelaaaaaggio“ gemacht wird. Tatsächlich ist der Firmenname eine Kürzung des Wortes Archipelago, was sich aufgrund von Länge und Klang nicht durchsetzte. Als Archipel bezeichnet man ein Gebiet, bestehend aus kleinen Inseln und den Gewässern dazwischen, wie etwa die Schärenmeere vor Skandinaviens Küste. Die Macher drücken so aus, wie sehr sie Finnlands Natur schätzen. Auch alle Modellbezeichnungen haben im erweiterten Sinne etwas mit Gewässern zu tun.

Hier in der Hauptstadt hat Pelago nicht nur seine Geschäftsräume, sondern betreibt im Zentrum auch einen eigenen Laden. Angekommen in der Kalevankatu 32, stehen wir vor einladender Innenstadtarchitektur in Form von fünf großen Gewölbebögen, davor aufgereiht eine Handvoll Räder. In der Mitte befindet sich der Eingang, flankiert von zwei großen Schaufenstern. Zur Rechten geht es ins Wohnhaus, zur Linken führt ein Durchgang über den Hinterhof zur Werkstatt. Im Laden werden wir von Kaisa Pohjapelto empfangen. Sie hat im Flagship-Store das Kommando. „Wir fragen jeden Kunden ,Wie willst Du das Rad nutzen? Was ist Deine Strecke?‘ Das ist uns wichtig. Das Rad muss dem Zweck dienen.“ Ah – Serve The Purpose – so lautet das griffige Firmen-Credo. „Außerdem haben wir fast alle Räder in fast allen Größen zum Testfahren hier.“ Das sind eine ganze Menge – Pelago bietet Rahmen in Höhen zwischen 47 und 67 Zentimetern an. Vielleicht auch, weil sich die ganze Bandbreite in der Belegschaft wieder spiegelt? Neben den Rädern überzeugt die unaufgeregt, aber geschmackssicher gestaltete Verkaufsfläche mit einer gut sortierten Produktauswahl. Egal ob Marktführer oder Indie-Label – Qualität, Funktionalität und Ästhetik müssen stimmen. Der rote Pelago-Faden ist klar erkennbar. Nettes Detail am hauseigenen Multitool – es kommt mit Korkenzieher.

 

 

Mittlerweile sind Timo und Marketing-Mann Nikita eingetroffen. Zu fünft radeln wir rüber zum Pelago- Hauptquartier, das keine fünf Minuten entfernt im alten Hafengebiet liegt. Mit dem Mandat, neue Wohnfläche zu schaffen, soll auch diese Gegend revitalisiert werden. Überall wird renoviert oder entsteht Neues, überstrahlt vom riesigen Rohbau eines Design-Hotels. Das alternde Gebäude mit Backstein-Charme vor uns lässt nicht erah- nen, dass hier Fahrräder entstehen. Auch kein Klingelschild weit und breit. Im Treppenhaus riecht es streng, die Wände sind voll von Postern, Stickern und anderen Kulturvorboten. Im zweiten Stock markiert eine schwere Brandschutztür die Grenze zu einer anderen Welt. Plötzlich stehen wir in hellen Büro- und Besprechungs- räumen. Aus dem Fenster blickt man auf den Hafen, das Motiv würde gut als Fototapete taugen. Neben dem Bürotrakt, ein paar Türen weiter, sind Montageflächen und Lagerräume. Die Serienmontage und die Logistik hat man vor einiger Zeit ins ländliche Finnland ausgelagert. „Die Produktion ist so zyklisch, da geht es nicht, das ganze Jahr Leute dafür zu beschäftigen“, erklärt Timo mit typisch finnischer Gelassenheit die Marktgesetze. Auch sein Englisch ist makellos. Regelmäßig Gehalt bezieht bei Pelago ein bunter Haufen, 15 an der Zahl, die man im Agentur-Jargon als „jung und dynamisch“ betiteln würde.

 


 

Kreativitätsfördernde Overnighter sind nicht unüblich, das Team hat sich eingespielt und ist bereit, Verant- wortung zu tragen. Geführt wird die Firma aber nach wie vor von den Brüdern Hyppönen. Trotz des engen, familiären Austausches, gibt es eine klare Aufgabenteilung. Timo, 40 Jahre jung und studierter Grafikdesigner, macht Pelago zur Marke, agiert nach außen und ist für die Firmenkommunikation verantwortlich. Der drei Jahre jüngere Mikko arbeitet am Produkt, zeichnet und konstruiert die Räder. Mehrere Wochen im Jahr verbringt er in Asien, um vor Ort die Produktion und Qualität der Rahmen sicherzustellen. Pelago lässt ausschließlich aus Stahl bauen, ein langlebiges und vielseitig verwendbares Material, das sehr gut mit der Firmenphilosophie zusammen geht. Strategische Entscheidungen werden in der Regel gemeinsam getroffen – die Brüder teilen Ideen und Werte. Die ganze Unternehmung wirkt sehr bodenständig – ein bisschen Familienbetrieb, ein bisschen Kreativagentur, ein bisschen Fahrradladen.

 

 

Timos Wurzeln in der Skate- und Snowboard-Szene fließen nicht nur in die Marke ein, sondern fruchteten, neben einem Kurzauftritt in fahrstil #17 – elite, in einer Zusammenarbeit mit Klamotten-Hersteller Carhartt und den kalifornischen Taschenspezialisten von Mission Workshop. Der streng limitierte Singlespeeder in türkis-grüner Hammerschlaglackierung – wie man sie von alten Werkzeugkästen kennt – zieht im Eingangsbereich die Blicke auf sich. Die Kooperation, bestehend aus Rad, passender Tasche und ausgewählten Kleidungsstücken, wurde im August parallel in Detroit, Los Angeles, Paris und Helsinki vorgestellt. Gefahr abzuheben? „Wir wollten nie exklusiv sein, eher demokratisch. Qualitätsräder, die sich viele Leute leisten können. Wir wollen durch bessere Fahrräder die Lebensqualität steigern.“

 

Klar, unsere Räder sind von Helsinki und den Gegebenheiten der Stadt beeinflusst.“

– Timo Hyppönen

 

Den Finnen wird allgemein eine kühle und distanzierte Art nachgesagt. Bei fast allen unseren Begegnungen konnten wir zu Beginn eine höfliche, aber keinesfalls ablehnende Zurückhaltung spüren. So auch bei Pelago. In diesem Fall könnte es ebenso gut damit zu tun haben, dass da plötzlich zwei Quasi-Fremde im Firmeninnersten stehen. Nach guten vier Stunden inmitten des Pelago-Kreises stehen wir locker plauschend auf dem terrassen- ähnlichen Absatz auf der Gebäuderückseite, nur einen Steinwurf von Hafenbecken entfernt. 2012 bezog man die Räumlichkeiten hier, ziemlich gleichzeitig eröffnete man den Laden in der Innenstadt. Timo erinnert sich: „Der Umzug war ein großes Risiko für uns, davor hatten wir zuerst 20, dann 40 Quadratmeter in Vallila, einem Stadtteil weiter draußen. Wir wussten nicht, wie es hier im Zentrum wird.“ Mittlerweile setzt Pelago mehrere tausend Räder im Jahr ab und entwächst langsam, aber sicher der Investitionsphase. Rückblickend war es der richtige Schritt und man blickt den nächsten Jahren positiv entgegen – ein weiterer Umzug ist vorerst nicht beabsichtigt. Bleibt nur zu hoffen, dass das denkmalgeschützte Hafengebäude nicht doch irgendwann einem gewieften Bauträger vor die Abrissbirne kommt.

 

 

Auch bei Pelago nimmt man die Bemühungen der Stadt, den Radverkehr zu fördern, wahr. „Die Stimmung in der Stadt ist positiv. Es tut sich was“, sagt Timo, merkt aber an: „Auf der anderen Seite hat die Infrastruktur immer noch so viele Lücken, dass man sich fragt, warum es so lange dauert. Dann sieht man wiederum etwas Neues und denkt: Oh, das ist echt gut.“

Zwei weitere Beiträge über Helsinki und die dortige Radkultur folgen.