Die Glorreichen Sieben – German Möhren

Wer war zuerst da? Wer hat’s eigentlich als Erster nach Europa gebracht? Fragen, die sich bei der Auseinandersetzung mit der Mountainbike-Geschichte auf dem alten Kontinent stellen. Und ähnlich wie im Mutterland des Mountainbikes gibt es nicht den einen Namen, die eine Antwort darauf – so wie es in den USA nicht allein Gary Fisher oder Joe Breeze waren, die als Erfinder dieser Sport-, Fortbewegungs- und Lebensart gelten dürfen.

Teil 6: German Möhren – Germans Cycles

 

Sie versorgten die Bundesrepublik Ende der 80er als einer der ersten MTB-Shops mit Rädern und Teilen – Wie kam’s dazu?
Ich arbeitete um 1983/1984 zeitweise in einem der ersten großen Outdoor-Läden in Frankfurt. Dort fiel mir ein Faltblatt eines französischen Rahmenbauers in die Hände; das waren so ziemlich die ersten Mountainbikes aus Europa. Mein Interesse war geweckt und bald zwei Mountainbike-Bausätze bestellt. Die Montage und das Fahren machten viel Spaß. Einige Zeit später, 1986, gründete ich meine eigene Firma.

 

 

Sie haben Germans Cycles 2012 beendet und ihr Geschäft in Heidelberg geschlossen. Aus welchen Gründen, und wären diese auch heute noch relevant? Der Hauptgrund für den Entschluss, meine Firma zu schließen, war das Internet und das veränderte Kaufverhalten der Kunden. Konkurrenz hat es schon immer gegeben, aber da konnte man sich durch gute Beratung und guten Service abheben. Plötzlich kamen jedoch nur noch Leute, die von vornherein nichts kaufen wollten. Das macht man eine Weile mit, ist aber irgendwann frustriert und verärgert. Ein offenes Zugehen auf vermeintliche Neukunden wurde für mich sehr schwierig und so weitermachen wollte ich nicht. Blieben zwei Möglichkeiten: Zum reinen Verkäufer werden oder die Reißleine ziehen. Letzteres habe ich getan. Diese Gründe wären heute relevanter denn je! Die Macht der großen Internet-Anbieter ist ebenso erschreckend wie beeindruckend: Ein riesiges Sortiment, superschnelle Lieferung und gute Garantieabwicklung. Da hat der kleine Hersteller oder Einzelhändler vor Ort häufig das Nachsehen – selbst bei wohlwollenden Kunden. Ich frage mich, wie es in den Städten dann irgendwann aussieht.

 

Sie haben in Deutschland und Europa MTB-Geschichte mitgeschrieben. Trauern Sie der Intensität dieser Zeit nach? War früher vieles besser?
In der Anfangszeit war ja alles neu und man hat sich über jede noch so kleine Neuerung gefreut. Da gab es Hersteller, die mit nur einem Zubehörteil plötzlich interessant waren. Viele Erfinder oder Anbieter haben ja kleine Nischen bedient. Wie ich selbst, haben die meisten ganz bescheiden angefangen – heute kaum noch vorstellbar. Es war auf jeden Fall wesentlich authentischer.

 

 

Als ehemaliger Importeur haben sie so illustre Marken wie Yeti nach Deutschland gebracht. Abgesehen von ihrem eigenen Germans-Rahmen: Was war der Schönste?
Auch wenn mich John Parker von Yeti jetzt sicher erschlagen würde: Das war der „Punisher“ von Extreme Performance Products. Im Ansatz ähnlich wie Yeti aus „certified aircraft tubing“ und pulverbeschichtet, im Detail sehr liebevoll gemacht und extrem geradlinig. Alle Teile, wie Tretlagergehäuse, Ausfallenden und Bremssockel, wurden selbst entworfen und hergestellt. Die Fertigungsqualität war für damalige Verhältnisse sehr hoch, leider konnte sich die Marke nicht am Markt behaupten.

 

Wenn Sie ein Resümee der Germans Cycles-Zeit ziehen: Was nehmen Sie von dieser Zeit mit?
Es war damals ein Sprung ins kalte Wasser, ein Wagnis. Erfreulicherweise – und nicht zuletzt durch viel Arbeit – hat es sich sehr positiv entwickelt. Eine sehr intensive Zeit mit tollen und natürlich auch negativen Erlebnissen. Das Positive überwiegt aber bei weitem das Negative, was der Grund für meinen radikalen Entschluss war, meine Firma zu schließen: So kann ich auf überwiegend gute Erinnerungen zurückblicken. Und 26 Jahre harte Arbeit sind ja auch eine lange Zeit.

 

Ihr Heidelberger Ladengeschäft gaben Sie 2012 auf, was beschäftigt Sie seitdem?
Erstmal war ich mit der Auflösung meiner Firma beschäftigt, was einige Zeit in Anspruch nahm. Dann hat mich die professionelle Seite des Themas Fahrrad tatsächlich nicht mehr interessiert. Vor zwei Jahren bin ich mit Freunden durch die französischen Alpen geradelt, mit allen Pässen, die wir in die Tour einbauen konnten. Letztes Jahr sind wir den Mont Ventoux an einem Tag von allen drei Seiten rauf geradelt. Die Freude am Radfahren ist also ungebrochen und ich hab endlich Zeit für solche Abenteuer.