Bis hierhin und dann weiter

Jürgen Theobaldy, Jahrgang 1944 und meines Wissens in demselben Schwei­zer Kanton lebend, in dem Flyer seine Elektroräder baut, hat in seinen jungen Jahren für die Länge eines Gedichts Johann Wolfgang von Goethe auf eine Autofahrt mitgenommen. Wilde Zeiten! Offenbar waren die beiden bekifft, denn Goethe soll im Verlauf des Ausflugs den Scheibenwischer abgebrochen haben. Und am Schluss schlug wohl auch noch das Auto um und die beiden wälzten sich auf freiem Feld irre kichernd aus der Karre hinaus. Muss wohl ein 2CV oder ein R4 gewesen sein. Wie ich darauf komme? Nun, wie gesagt, das Gedicht, das war vor langer Zeit, und wenn ich so überlege, ob und wen der Deutschen ich aus der Zeit vor zweihundert Jahren gern treffen würde, also, dann wäre das bestimmt nicht Goethe.

Text: Stefan Hermes
Illustrationen: echtweiß

Und ich wollte auch nix Autotour. Tatsächlich würde es mich viel mehr schärfen, Karl Friedrich Christian Ludwig Freiherr Drais von Sauerbronn das Radfahren beizubringen. So er das denn nicht bereits könnte, wenn wir uns träfen. Was ich aber bezweifle, gestützt auf die Erfahrung mit den Kurzen meiner Schwester: Die waren auf ihren Holz­flitzern längst wahrhafte Laufrad­-Artisten von geradezu erschreckender Geschwindigkeit und Risikobereitschaft, doch dann brauchten sie schon noch etwas Zeit, sich an Pedale und gleichmäßiges Treten zu gewöhnen. Wenn es im über alle Unbill des Lebens tröstenden Elysium oder in dem Limbus, wo alle unsere Abgeschiedenen verharren müssen, bis ihrer nicht mehr gedacht wird unter uns Lebenden (was bedeutet, dass Drais erst vom letzten rad­fahrenden Fisch den Passierschein ins Nichts erhalten wird), wenn also in diesen Schattenwelten keine Radfahr­schulen unterhalten werden, dann kann der Bürger Karl Drais immer noch nicht velozipedieren.

Ich rechne mir demnach reelle Chancen aus, ihn am Sattelrand stützend und haltend, nebenherrennend zu kreischen: „Treten, treten, gegenlenken …“ Komischerweise, das heißt nicht hinterfrag­- oder be­gründbar, stelle ich mir vor, eine solche Begegnung müsse quasi vor meiner Haustür passieren. Ich imaginiere, wie ich mich in einer fernen Zukunft daran erinnere, es müsse bei einem dieser Events gewesen sein, die im mainfränkischen Seligenstadt (nomen est omen!) zwischen Grillfleisch, Apfelwein, Weihrauch und Gelati vom Feinsten oszilieren. Nach einem Besuch am Grabe des Heiligen Einhard, das war der, der aus persönlicher Kenntnis die erste Biographie von Karl dem Großen, einen Bestseller des Frühmittelalters verfasste, prostet er, Drais, nicht Einhard, mir mit einem Glas Kleinochsen­furter Herrenberg in der Hand zu: Nicht sonderlich groß, apfelbäckig rosig und mit hellwachen Augen darüber. „Sie?“, frage ich entgeistert, ihn sogleich erkennend. Worauf er den Kopf leise neigend erwidert: „Es sind ja kaum zehn badische Meilen hierher.“ „Die aller­dings“, wie ich sofort erwidere, man soll ja seine im sonstigen Leben vollkommen nutzlosen Bildungsfrüchte nicht im richtigen Moment verschweigen, „jede eine ihre 8,888 Kilometer lang sind.“ „Und 89 Zenti­meter“, fügt er geschwinde hinzu. Und ich wieder: „Eins der längsten deutschen Längenmaße und das Ergebnis eines fürstlichen Zwei-­Stunden­-Spazier­gangs.“

Wir hätten uns (oder würden uns gehabt haben?) erinnert an seine erste Fahrt mit der Laufmaschine. So nannte er sie selbst, denn er hat ja – durchaus noch der Freiherr, das Patenkind des badischen Monarchen, Forstbeamter a. D. und landesfürstlich alimentierter Erfinder – auch eine vierrädrige „Fahrmaschine“ ersonnen. Sein erster Ausritt auf dem zweirädrigen Holzpferd, das etwa 22 Kilogramm wog, führte ihn von seinem Wohnhaus mit der Adresse M 1,8 in den Mannheimer Quadraten zu der etwa sieben Kilometer entfernten Schwetzinger Relaisstation, nicht, wie man manchmal hört, nach Schwetzingen. Und Relaisstation hatte natürlich auch nichts mit Funken zu tun, sondern dort war Pferdewechsel. Am 12. Juni 1817 laufradelte der Freiherr auf der für damalige Verhältnisse vorzüglichen Straße zu dem Haus im heutigen Mann­heimer Stadtteil Rheinau und wendete. Weniger als eine Stunde benötigte er für Hin-­ und Rückweg, ein Schnitt von rund 15 km/h. Drais präsentierte sein einspuriges Fahrzeug auf weiteren Fahrten, Ende August sogar auf einer Tour von Karlsruhe nach Kehl. Das waren um die 80 Kilometer, nicht ganz zehn badische Meilen, und die Fahrleistungen von Mensch und Maschine vor zwei Jahrhunderten sind auch für heutige Durchschnittsradler noch ganz ordentlich.

 

Würden Drais und ich politisieren? Das glaube ich nicht. Zu verschieden sind die Konflikte seiner und meiner Jahre. Die ungreifbare Zeit verwandelt unablässig den gegenwärtigen Moment in das Damals der unwandelbaren Vergangenheit. Sie hat die Widersacher von Drais, ihre Namen wie ihre Häme und körperlichen Angriffe verschlungen. Sie interessieren höchstens noch Historiker im Umfeld der Märzrevolution von 1848. Ein Jahr später erklärte sich Drais in einer Zeitungsanzeige zum Bürger Drais und verzichtete auf seinen Adelstitel.
Während das Geschehene uns klar vor Augen liegt, obwohl wir es nicht ändern können, vermögen wir nur unscharf in die Zukunft zu blicken, die wir mitgestalten. Hat Drais gewusst, welchen Weg seine bahnbrechende Erfindung nehmen würde? Vermutlich würde bei einem Treffen herauskommen, dass er keineswegs die Lauf­maschine für seine wichtigste Entwicklung hielt. Und ich würde ihm gern zeigen, zu welcher Vielfalt und zu welch großer Bedeutung zweihundert Jahre Fortentwicklung geführt haben. Ich wäre gespannt, was ihm an unseren Fahrrädern auffallen würde oder wofür er sofort eine andere, eigene Idee hätte. Würde er sie sofort als Fortsetzung seiner Idee von der Laufmaschine begreifen? Oder könnte er sich wie Theobaldys Goethe kindlich trunken eher fürs Autofahren begeistern als für ein Renn­rad, das schneller fährt als ein Pferd rennt?

Auf das Damals zu blicken, das einen Wimpernschlag nach dem Jetzt beginnt und sich dann zurück bis zum Big Bang des Urknalls erstrecken soll, ist das eine. Wir wissen selbstverständlich, dass den als Gerade gedachten Zeitstrahl einfach ebenso gerade in die Zukunft zu verlängern eine höchst fragwürdige Methode der Prognostik ist. Wer hat von denen, die sich heute dafür begeistern oder sogar damit und davon ihren Lebens­unterhalt bestreiten, das Mountainbike vorhergesehen, das Elektrorad oder die Notwendigkeit, in den Städten vom Lieferwagen wieder auf das Lastenrad umzusteigen? Im Jetzt bereits den Keim des Künftigen zu erkennen und diesem zur Verwirklichung zu verhelfen, das macht Erfindergeist aus.

Darum, wie man es auch dreht und wendet: Ein Badener hat die erste Verbrennungsmotorkarre auf die Straße gebracht, und vor ihm der andere Badener das erste einspurige motorlose Fahrzeug. Dessen dreirädrige, mit Pedalantrieb ausgestattete Derivate wiederum wurden zu Kutsch-­Ahnen dessen, was wir heute Auto nennen – eine Genealogie, die der Technik­-Historiker Hans­-Erhard Lessing genauer ausgeführt hat. Und wenn aktuell und dringlich an der Elektrifizierung des Autoantriebs gearbeitet wird, ist abermals das Fahrrad als Schritt­macher weit voraus. Wir wollen vor seinem ersten Erfinder den Hut ziehen und ihm in die Hand verspre­chen: Wir machen weiter.