Team fahrstil beim Ötztaler

„Dieses Jahr fahre ich den Tannheimer Radmarathon auf Sieg“ posaunte Osenberg neulich am Trainingstreff. „Wie? Sieg?“, hakte ich nach. „Na, zumindest werde ich die Altersklasse gewinnen“, schränkte Osenberg seine Aussage etwas ein. Cerny nickte wissend. „Und diesen verdammten Ötztaler werde ich nie wieder bei Regen fahren!“, setzte Osenberg seine Ansprache fort. „Ötztaler? Ich dachte, du wolltest nach Tannheim“, war ich inzwischen etwas irritiert.

Ich hätte besser nicht nachfragen sollen. Denn nun war ich plötzlich wieder mit im Boot bei einem von diesen für Osenberg typisch bekloppten Ausflügen. Die Strecke des berühmten Ötztalers wollte er nämlich am Tag vor dem Tannheimer fahren, quasi zum Einrollen. Aber nur, wenn das Wetter schön ist. „Alle im Teamtrikot!“, ordnete er noch an.

Logisch dass ich ihn in meinem Auto nach Österreich mitnehmen musste. Cerny holte ich auch noch ab. Aufbruch in Heidelberg war um 1 Uhr in der Nacht. Das Signal der Müdigkeitserkennung piepste mich die ganze Fahrt über an, während Osenberg und Cerny friedlich schnarchten.

Schließlich stiegen wir am Beginn des Ötztals aus dem Auto. Radtrikots hatten wir bereits an. Bevor es losging, verschwand Osenberg noch schnell in einem Gebüsch „um sich frisch zu machen.“

„Die Strecke kenne ich aus dem Äffäff“, behauptete Osenberg und fuhr voraus. Cerny verdrehte mir zugewandt die Augen und äffte Osenberg stumm nach. Doch bereits am ersten Kreisverkehr erwischte Osenberg die falsche Ausfahrt und anstatt hinauf zum Kühtai führte er uns über die Bundesstraße 171 am Inn entlang. Bei dem Höllentempo, das Osenberg vorlegte, schien mir momentan jeder Einwand überflüssig zu sein.

Am Fuß vom Brenner, eigentlich noch vor dem Ortsausgang von Innsbruck schrie Osenberg: „Bergwertung!“ Dann stürmte er im dicken Gang davon. Die Straße macht an der Stelle einen großen Bogen. Ich konnte ihn gut von der Seite sehen, wie seine muskulösen Oberschenkel die Kette über das große Blatt trieben. Im Gegenlicht der gerade erst aufgegangenen Sonne war zu erkennen, wie dicke Schweißtropen von Osenbergs Stirn auf sein Oberrohr fielen und dort zu tausend glitzernden Kristallen zerplatzten. Diesen bezaubernden Anblick konnte ich leider nicht lange genießen, denn bald war Osenberg außer Sichtweite entschwunden. Das heißt, wir haben ihn an diesem Tag gar nicht mehr zu Gesicht bekommen. Cerny vermutete, dass Osenberg an der nächsten Kreuzung mal wieder falsch abgebogen war. Rechts nach Axams!

 

 

 

 

Cerny und ich kurbelten locker den Brennerpass hinauf. Kurze Pause für einen Espresso in Sterzing. Dann folgte der Jaufenpass. Im Tagesverlauf war es ziemlich heiß geworden. Die Strecke des Ötztalers kenne ich nur als elende Quälerei, egal bei welchem Wetter. Kurz vor dem Timmelsjoch erhielt ich eine whatsapp von Osenberg.

Kehrt um! Timmelsjoch gesperrt. Straße in sehr schlechtem Zustand. Große Probleme wegen Schneefall.

„Wo steckst Du?“, fragte ich ihn. Er reagierte nicht darauf. Cerny vermutete, dass sie in Axams kein Netz haben. Als Antwort schickte ich Osenberg schließlich dieses Foto:

 

 

 

 

Als wir am Ende des Tages zum Auto zurückkamen, fehlte von Osenberg immer noch jede Spur. Auch am nächsten Tag erschien er nicht zum Start des Tannheimer Radmarathons. Für uns kein Problem. Cerny gewann seine Altersklasse souverän. Auch ich bin inzwischen so lange dabei, dass ich mich in den Tiefen der Ergebnislisten längst an Altersklassen orientiere. In meiner Klasse wurde ich 63. „Platz 63 von insgesamt 3.073 Startern“, hätte Osenberg gesagt. Er nimmt es da nicht so genau.

 

 

 

Text und Handyshots: Marbod Jaeger