Klassenfahrt – Grinduro auf der Isle of Arran

Es gibt Radrennen, da betritt man das Veranstaltungsgelände und wähnt sich sofort in einer spaßbefreiten Zone. Kein Lachen im Startblock, waghalsige Fahrmanöver im Peloton – jede Sekunde zählt – und das höchste der Gefühle danach: alkoholfreies Bier. Gut, das mag eine etwas zynische und überspitzte Schilderung sein, doch auch im Event-Team von Giro hat man sich vor einigen Jahren Gedanken in eine ähnliche Richtung gemacht. Wie wäre es denn mit einem Rennen, in dem man sich auch mit Freunden, oder welchen die es werden, unterhalten kann. Und es muss gutes Essen geben. Und Trinken. Bier, Whisky. Und eine Party. Mit Live-Musik? Oh, ja. Festival-Atmosphäre! Klingt gut. Lass uns das machen.

 

Text: Micha Ziegler, Fotos: Falk Wenzel

Und so veranstalteten Giro und Partner erstmals ihr neues Event-Format „Grinduro“. Zwei Mal fand der Renn-Festival-Hybrid bisher in Kalifornien statt, im Oktober folgt das dritte Mal. Dazwischen ließ man sich dazu hinreißen, das Ding im internationalen Auswärtsspiel zu erproben. Zum Glück. So kamen auch wir Europäer in den Genuss, ein wenig von dem lässigen California-Spirit, verpflanzt in die schottische Szenerie der Isle of Arran, zu genießen.
Das Format lässt sich wie folgt umreißen. Auf einer Strecke befinden sich vier 

 

gewertete Segmente, dort wird die Zeit genommen und schlussendlich addiert, den Rest der Strecke kann man als Group-Ride im eigenen Tempo bewältigen. Dazu gibt es eine Art Festival-Gelände, der zentrale Punkt an dem man startet, wieder ankommt und wo man auch den Rest der Zeit verbringt. Dort finden alle Aktivitäten drum herum statt, wie etwa die gemeinsame Nahrungsaufnahme oder Abendgestaltung mit Musik und Tanz. Jeder setzt seinen eigenen Fokus, manche sind am Berg stärker, andere an der Bar.

Die An- und Abreise von Heidelberg (bzw. David und Falk von Berlin) gestaltete sich etwas umfangreicher. Zug nach FFM, Flug nach Glasgow, Zug nach Ardrossan, Fähre auf die Insel und Shuttle zum Grinduro-Village. Räder mussten wir glücklicherweise nicht transportieren – 3T war so lieb, uns vorab drei Testräder auf die Insel kommen zu lassen. Dazu später mehr, an dieser Stelle vielen Dank!

Als Basislager hatten sich die Veranstalter die Arran High School ausgeguckt. Wo also wochentags der schottische Nachwuchs auf das Leben vorbereitet wird, fanden sich nun gut 150 Bike-Heads aus allen Teilen der Welt ein. In der Cafeteria wurde leckeres Essen kredenzt, an der Bar ließen sich flüssige Köstlichkeiten aus der inseleigenen Brauerei und Destillerie verkosten. Wir taten gut daran, uns am Freitag vor dem Rennen etwas zurückzuhalten. 

Im Pop-Up-Store präsentierten sich neben Giro, die weiteren Sponsoren, wie SRAM, Fabric und Charge. Zudem wurde in Kooperation mit der englischen Rahmenbauschule „The Bicycle Academy“ ein Framebuilders-Contest ausgerufen. Feather, Shand, Donhou and Mercredi zeigten wie sie sich das perfekte Rad für Grinduro vorstellen. Die Ergebnisse gibt es zeitnah in einem separaten Post.

Die Isle of Arran wird nicht umsonst als „Mini-Schottland“ bezeichnet – wohl alle landschaftlichen Charakteristiken des Landes sind auf den 430km2 untergebracht. Die Strecke ging gute 75km lang als Acht über den süd-östlichen Teil der Insel. Der untere Teil – die erste Etappe – wurde morgens, der obere dann nach dem Mittagessen bewältigt. Insgesamt gab es vier Segmente auf denen die Zeit genommen wurde, je zwei pro Etappe. Morgens einen 6,6 km langen Anstieg auf Schotter und einen rutschigen, mit Wurzeln gespickten Singletrack bergab. Mittags folgte dann eine kurvenreiche Abfahrt und ein kurzes, knackiges Segment bergauf. Aus diesen vier Zeiten setzte sich das finale Ergebnis zusammen. 

Im Nachgang war die Runde doch etwas härter als erwartet, vielleicht hat sich der „Genießt-die-Strecke-zwischen-den-Wertungen“-Gedanke, noch nicht komplett auf die doch eher Rennsport-geprägte Seite des großen Teiches übertragen lassen. Hinzu kam das schottische Wetter – wer an diesem Tag zum MTB griff, hatte doch auf den zum Teil extrem schlammigen Trails einen klaren Vorteil. Trotzdem: Wir waren erstaunt, wie gut unsere 3T Exploro-Maschinen mit 40mm-Bereifung den Witterungen und CX-Matsch-Passagen standhielten. Und gerade auf den zahlreichen Schotterpisten und den wenigen Asphaltabschnitten wurde das Rad sauschnell. (Eine andere Formulierung würde dem nicht gerecht werden). Mag komisch klingen: Aero-Rennrad im Gelände kann verdammt viel Spaß machen!

Noch dazu war die Insellandschaft ein einziger Traum. Immer wieder sorgten atemberaubende Ausblicke über die raue Küstenkulisse oder die typischen, Heather-gesäumten Felder, Wiesen und Hänge für kurze Momente inneren Seelenfriedens. Nur um dann wieder von einem technischen Singletrack, einer pulstreibenden Steigung oder einer Tragepassage (fahren unmöglich) in die Realität zurück gerissen zu werden. Der lauwarme Regen, teils von oben, teils von der Seite und der mystische Nebel sorgten für eine ganz besondere Stimmung. So ist das also in Schottland.

Die Galerie:

Nach verrichtetem Tageswerk und köstlichem Curry/Chili/Fish&Chips, folgte die amüsante Preisverleihung. Im Anschluss machte die Rockband „The Van T's“ aus Glasgow ordentlich Krach. Von Rahmenprogramm kann hier keine Rede sein, so sehr verschmelzen die verschiedenen Aspekte des Wochenendes ineinander. Radrennen? Groupride? Festival? Konzert? Party? Roadtrip? Ja. Alles. Gut so.

Was bleibt? Wir fanden die Überseepremiere von Grinduro mehr als gelungen, hoffen auf Fortsetzung und werden sicher noch einige Male in nächster Zeit vom 14 Jahre alten Single Malt nippen, die Fotos durchklicken und leise vor uns hin säuseln: „My heart is on Arran, my heart is not here.“