Kalle Kalkhoff, 07.04.1956 – 20.09.2017

Dem Abschied wohnt kein Zauber inne. Nein, das war der Anfang! Und an den einen und einzigen Anfang mit Kalle kann ich mich gar nicht mehr erinnern. Da waren so viele Dinge, die mit und bei Kalle ihren Anfang nahmen. Fahrradtechnisch. Fahrradkulturell. Persönlich.

Kalle entstammte der Fahrraddynastie Kalkhoff, deren Markenname noch heute Fahrräder ziert. Während Kalkhoff sich der breiten Maße zuwandte, blickte Kalle auf die Qualität und das Besondere. Seine Fahrradliebe galt dem Pedersen-Rad, dem er in unterschiedlichen menschlichen und juristischen Konstellationen fast 30 Jahre verbunden blieb und dessen Gedeihen und Pflege er sich verschrieben hatte. Das Rad passte in jeder Hinsicht bestens zum ihm. Es ist ein konstruktives Unikat mit einer stringenten Binnenlogik im Arrangement aller Bestandteile und es entfaltet so eine ausgesprochen klare Ästhetik, auf die sich der Betrachter einlassen muss. Es fährt eher gemütlich und fühlt sich in der Hektik eines Rennens sichtlich unwohl, überzeugt dafür mit einer Fahrkultur und Übersicht, die zum Pedal-Flanieren einlädt. So war Kalle auch! Ihm ging Kultur stets über den Kommerz. Die Ruhe und Zurückhaltung zog er einem polternden Auftritt stets vor. Auf diese Weise kann man ein großartiger Mensch sein, aber sicher kein schlitzohriger Geschäftsmann. Insofern war es für Kalle und all die fahrradkulturellen Unternehmungen, die er irgendwie unterstützte, ganz gut, dass Kalle letztlich nicht auf deren Rentabilität angewiesen war. So schmerzte ihm der Verlust eines Freundes bei solchen Projekten stets mehr als der Verlust mancher Mark, bzw. manchen Euros. Und er musste diesbezüglich mehrfach reichlich leiden. Diese Sorgen besprach er mit Freunden. Meist am großen Küchentisch in der Donnerschweer Straße 45 in Oldenburg. Am besten mit einem Glas Whiskey und einer selbstgedrehten Zigarette. 
Ich erinnere mich an so manchen Abend, der zusammen mit seiner Frau Gabi bei einem guten Essen zu sorgenvollen Gesprächen begann und dort letztlich in aller Ruhe rauschvoll endete. Ich legte Reisen und Termine so, dass solche Abende immer mal wieder drin waren. Heute weiß ich, ich hätte die Reiserouten öfter über Oldenburg biegen sollen. Für Kalle. Für mich. 

So ist Kalles Tod für mich auch die Aufforderung, das Leben zu leben. Einmal mehr den vermeintlichen Verpflichtungen und Unwegsamkeiten entgegenzutreten und das zu tun, was man täte, wenn man wüsste, dass dies der letzte Tag auf Erden wäre. Starten, statt warten!

Dass dieser Nachruf auf fahrstil erscheint, kommt nicht von ungefähr: Denn in gewisser Weise nahm auch fahrstil seinen Anfang bei Kalle. Und das kommt so: Anfang der 1990er war er der deutsche Teil im britischen Magazin "Bike Culture Quarterly“, das anzeigenfrei und meist eher unregelmäßig im Verlag "Open Road“ erschien. Eine Zeitschrift rund ums Fahrrad, wie es sie vorher  - mit Ausnahme der Quadratur vielleicht - nicht gegeben hatte: Menschen, Geschichten, Technik aus allen Ecken der Welt. Erzählt von passionierten Experten mit der Perspektive eines genussvollen Radfahrers. Open Road war auch die Keimzelle der „Encycleopedia“, einem jährlich gedruckten Kaleidoskope besonderer Fahrräder, das in Zeiten vor dem Internet die weltweite Vielfalt von Fahrradtypen und -konstruktionen an den heimischen Wohnzimmertisch brachte. Jedesmal ein wundervoller Abend voller velophiler Schwärmerei. Kommt uns das bekannt vor? Ja, so viel Ehrlichkeit ist hier angebracht: BCQ ist eines unser Vorbilder und war eine große Inspiration.

Und obschon ein tragischer Radunfall Kalle eine Beinprothese verschaffe, trübte dies seine Liebe und sein Engagement fürs Rad nicht. Er war Gründungsmitglied im VSF und an zahlreichen anderen wegweisenden Projekten in der Fahrradwelt beteiligt. Seiner ruhigen Art ist es zuzuschreiben, dass vieles davon nur wenigen in aller Tragweite bekannt ist.


Wenn es so etwas wie „The Cycling Class“ gibt, die Dr. Alex Moulton in einem fahrstil-Internview einmal skizzierte, dann ist Kalle eine ihrer Ikonen: Er war ein Pedal-Gentleman ohne Allüren, mit Anstand, Anspruch und mit einem großen Herz. 
 
Ride In Peace, Kalle!
 
Gunnar