Tour de Friends: Von München nach Venedig

Wir kennen Rad Race schon ein Weilchen. Egal ob Crit, Kartbahn oder Sprint – wir schätzen, was die Jungs und Mädels auf die Beine gestellt haben. Rad Race hat in der Radrennszene neue Impulse gesetzt. Auch haben wir über die Zeit einige E-Mails hin und hergeschickt. Es war dann aber doch immer zu fixed, zu weit weg oder hat halt gerade nicht gepasst. Als wir dann aber von der Tour de Friends Wind bekamen, waren wir Feuer und Flamme. Im Dezember 2016 buchten wir also drei Spots für das erste Etappen-Rad Race.
Text: Micha Ziegler, Titelfoto: Tom Schlegel, Fotos: Rad Race, siehe Kennzeichnung

 

Foto: Björn Reschabek

 

Stage 1: München – Innsbruck, 145km
Gestartet wird unweit von München. Südlich der Landeshauptstadt bei den Bavaria Filmstudios in Grünwald. Um halb neun geht Team fahrstil auf die Piste. Die ersten gut 50 Kilometer rollen wir schnurstracks nach Süden, meist auf Schotter entlang der Bahntrasse. Wenig Verkehr aber erhöhtes Reifenflick-Aufkommen. Auch Tobis 28mm-Bereifung erwischt es einmal. Drei Mann, ein Schlauch und weiter zum ersten Verpflegungsstopp. Neben Clif Bars (später mehr) und Bananen bieten die Lokalen Helles und Kräuterlikör an. Wir genehmigen uns tatsächlich eines, die Etappe wird ja schließlich nicht gewertet. Weiter geht’s, entlang am idyllischen Ufer des Tegernsees. Langsam wird es hügeliger und dann kommt die erste Strava-Bergwertung. Von hinten kommt Phil und zieht an unserer Gruppe vorbei. Phil fährt fixed. Der zweite Checkpoint liegt wie gemalt am Ufer des Achensees. Viel Zeit zum Verweilen bleibt nicht, der Himmel zieht zu. Noch trocken gehen wir auf die rasende Abfahrt hinunter in das Inntal. Dort platzt mir hinten der Schlauch – Verdacht auf eine überhitzte Felge. Nach einigen Kilometern stehen wir vor der nächsten Prüfung: Es stellt sich heraus, dass sich der Wulst des Clincher-Reifens abgelöst hat. Im nächsten Radladen bekomme ich einen sündhaft teuren Mantel. Der hält aber bis zum Meer. Das Ganze verzögert uns um eine gute Stunde und lässt Tobi, der treu gewartet hat, und mich die letzten 25 Kilometer im strömenden Regen nach Innsbruck fahren. Immerhin Rückenwind. Im Pumakäfig der Jugendherberge – 6er Zimmer mit den netten Lenker-Beißern – versuchen wir mit mittelmäßigem Erfolg unsere Klamotten und Schuhe zu trocknen. Stimmung – geht so. Dafür schmecken die Kasnockerln und der Apfelstrudel umso besser.

 

 

Foto: Bengt Stiller

Foto: Bengt Stiller

 

Fotos: Carlos Fernandez Laser

 

Stage 2: Innsbruck – Brixen, 93km
Gebannt schauen wir morgens auf die Telefone. Es soll trocken bleiben – vielleicht sogar mit ein bisschen Sonne? Auf dem Programm steht heute der Brenner. Sprich, die ersten 40km geht es nach oben, danach wird nach Brixen runtergerollt. Auf den kurzen Ritt durch die Stadt folgt eine Tragepassage, dann stehen wir quasi mitten im ersten Anstieg. Und es geht hoch. Steil. Und Strava läuft mit. Wir erreichen Flughöhe und von da an geht es angenehm ansteigend die Brenner-Straße hinauf. Kurz vor dem Pass wird es nochmal steiler. Der Checkpoint liegt dahinter, so genehmigen wir uns an der Tanke eine Auswahl an bekannten Schokoriegeln. Oben angekommen halten wir kurz inne und stürzen uns in die rauschende Abfahrt… halt. Gegenwind. Dieser verhindert das Rauschen in der Abfahrt zwar, aber auch mit Reintreten macht der gut ausgebaute Italo-Radweg mächtig Spaß. So rollen wir gemeinsam mit dem Team Roadbike, bestehend aus Redakteur Felix und dem Gewinnspiel-Pärchen Patricia und Rostyslav, gen Etappenziel Brixen. Auf dem Markplatz erwartet uns Pasta, Volksmusik und später ein gemütliches Bett im katholischen Priesterseminar. Wir sind drin.

 

 

Foto: Carlos Fernandez Laser

Foto: Björn Reschabek

Foto: Tom Schlegel

Foto: Tom Schlegel

Foto: Björn Reschabek

 

 

Stage 3: Brixen – Vittorio Veneto, 193km
Die Königsetappe. Und sie hält, was sie verspricht. Es geht nach Osten durch das Pustertal, dann, bei Toblach biegt die Strecke nach Süden in einen 15km langen Anstieg (die heutige Strava-Prüfung). Aber der Reihe nach. Die Schwestern kredenzen ein ausgezeichnetes Frühstück, doch der Blick aus dem Fenster verspricht wenig Gutes. Das langsamste Team des Vortages startet heute zuerst, was für uns eine recht frühe Abfahrt bedeutet. Wir gehen im Nieselregen auf die Strecke, kurz darauf öffnet der Himmeln einen Großteil seiner Schleusen. Bei Kilometer 10 werden Regenjacke und Überschuhe geprüft wie nie. Wir sind nass, Finger und Zehen kämpfen mit den niedrigen Temperaturen. An einem Schild, das 15% Steigung verspricht, schießt der Canyon-Radpack-Zug auf seinen modernen Rennmaschinen und surrenden Carbon-Räder vorbei. Aber auch dieser eine Typ auf dem alten Serotta-Stahlrahmen (Colorado III in rot-gelber Fade-Lackierung). Die Artenvielfalt entlockt meinem schmerzverzerrten Gesicht ein kurzes Lächeln. Der Regen lässt zwischenzeitlich etwas nach und wir diskutieren eifrig ob der winzige Fleck Himmel in der Ferne nun grau oder blau sei. Dann hagelt es wieder Katzen. Die Sinnhaftigkeit der Unternehmung wird kurz zur Debatte gestellt, doch der rettende Verpflegungsstop naht. Es gibt wärmenden Tee, einen beheizten Vorraum, sowie kleine Köstlichkeiten aus der Region. Es schmeckt nach Sonne. Wir lassen die Wurst-Käse-Oase hinter uns und machen uns auf in den Anstieg. 15 Kilometer ist dieser lang, dafür aber nicht allzu steil. Zudem haben wir die Roadbike Magazin-Lokomotive vor uns, die uns zügig durch die steinig-schöne Landschaft der Dolomiten zieht. Es fühlt sich stetig wärmer an, doch folgt noch ein wenig zugiges Bergab bis am Ortsschild von Cortina d’Ampezzo die Sonne aufgeht. Wow. Das Gefühl in den Gliedern kehrt zurück, erst recht als der kurz darauf folgende Checkpoint dann noch mit Apfelstrudel zum Tee auftrumpft. Nach den ersten 80-90km Tortur wird die zweite Tageshälfte zur reinsten Genussfahrt. Ebenso die Zieleinfahrt: In Vittorio Veneto ist der Marktplatz das reinste Rad Race-Village. Blockparty bei schönstem Wetter! Nachdem schon der erste Handbiker Josef Michelberger mit tosendem Applaus die Linie überquerte, bildete sein britischer Mitstreiter Justin Levene, der mit seinem Supportern nach ganzen 12 Stunden und 30 Minuten ins Ziel kam, den krönenden Abschluss. Was für eine Leistung! Um es mit den seichten Worten der jungen Singer-Songwriter-Generation zu sagen: Gänsehaut pur!

 

Foto: Nils Laengner

Foto: Carlos Fernandez Laser

Foto: Carlos Fernandez Laser

Foto: Christoph Steinweg

Josef Michelberger, Justin Levene, Fotos: Carlos Fernandez Laser

 

Stage 4: Vittorio Veneto – Jesolo, 127km
Haben wir uns nicht für München-Venedig angemeldet? Ja, aber dort darf man nicht Rad fahren… Macht nichts, dann halt etwas die Küste hinauf nach Jesolo. Wir rollen durch die Hügel des Prosecco-Gürtels, später geht es durch Treviso und je näher wir der Küste kommen, desto stärker wird auch der Wind. Auf der ganzen Etappe spüren wir, was die Italiener für ein radsportverrücktes Völkchen sind. Nicht nur treffen wir in der Pinarello-Region auf etliche Sonntagsausfahrten, auch bei den Verpflegungen wird richtig aufgefahren. Prosecco und andere lokale Spezialitäten, dazu winkt uns die braungebrannte, alte Garde gekonnt durch die Kreisverkehre der Kommunen. Ein Ciao hier, ein Grazie da – so macht das Spaß. Dann geraten wir irgendwie in den Tri-Time-Women-Express. Die Mädels drücken drauf und wir hecheln bei Tempo 43 hinterher. Das tut weh, kommt aber unserem Schnitt zugute. Danke für’s Mitnehmen! Der zweite Checkpoint erlöst uns. Und wie! Im Hotelpool tummeln sich schon diverse Teilnehmer*innen und das Angebot zur Speicherfüllung ist auch top. Danach geht es für uns wieder in den Wind. Wir fahren die restliche Strecke zügig nach Jesolo durch. Mit jedem Kilometer, den der Wahoo runter zählt, fällt es leichter. Ja, wir sind so gut wie durch. Und dann biegen wir auf den traditionsreichen Parkplatz ein – hier startete irgendwann mal der Giro – und sind im Ziel. Jubel, Erleichterung, ein gutes Gefühl. Erschöpft aber glücklich.

 

 

Foto: Bengt Stiller

Foto: Nils Laengner

Foto: Bengt Stiller

Foto: Christoph Steinweg

Foto: Nils Laengner

 

Die Afterparty:
Nach der Ankunft geht es für uns direkt zum Strand, gefolgt von Pizza Frutti di Mare. Am Abend steht als letztes Highlight noch die Afterparty mit Preisverleihung und Closing-Zeremonie an. In der schicken Event-Location unweit vom Strand gibt es erst vorzügliches Essen, dann holt Frontmann Ingo noch mal alles raus am Mikro. Wie schon beim Riders Briefing am Vorabend des Starts, rekapituliert er auf herrlich unorthodoxe Weise die Entstehung des Events, verleiht Preise für Instagram-Fotos oder Strava-Segmente, natürlich auch für die schnellsten drei Teams, und bedankt sich emotional bei den vielen Beitragenden. Dann gibt es richtig was auf die Ohren. Die Mucke dröhnt, das Bier fliesst und die Kissen fliegen. Um kurz nach zwölf packen wir es, da ist die Party noch lange nicht vorbei, aber wir sind halt nicht mehr die Jüngsten. Und morgen früh ist die Nacht rum. Und um 9 Uhr fährt der Bus.

 

Foto: Carlos Fernandez Laser

Foto: Carlos Fernandez Laser

 

Foto: Carlos Fernandez Laser

 

Unser Fazit:
Freunde und neue Freunde. Wir trafen alte Bekannte, fanden neue (Facebook-)Freunde. Leute, denen unser Magazin gefällt oder unsere Bikes. Oder uns deren Bikes. Wir sahen viele Tattoos und hörten verschiedene Sprachen. Es gab ambitionierte Fahrer und Teams, und welche die voll auf Genuss gepolt waren. Und eben noch die Fixie-Jungs, die würden aber den Beitrag hier sprengen. Eine schöne Mischung, die wieder ein mal zeigt, welch verbindende Kraft im Fahrrad steckt. Und dann war da natürlich noch das Rad Race-Team – immer auf Achse, immer gut gelaunt, immer hilfsbereit. Danke!
Ja, wir waren am Anfang etwas skeptisch. Kriegen die das hin? 400 Leute über die Alpen, das ist schon eine andere Gewichtsklasse, als ein Abend auf der Kartbahn. Und jetzt, ein paar Tage danach, sind wir echt begeistert. Von dem Rider-Briefing an bis zur Rückreise nach München haben wir uns top versorgt gefühlt. Klar, es gab das eine oder andere Detail, das man sicher noch besser hätte lösen können. So folgte der großen Ankündigung von „unendlich Clif Bars“ bereits nach Tag 1 die Rationierung. Und für die Macke im Salsa von Tobi auf dem Rücktransport können sie ja auch nichts… Das sind alles Randnotizen, die den Gesamteindruck nicht trüben. Außerdem muss ja noch Potenzial für nächste Jahr da sein. In die Warteliste haben wir uns schon mal eingetragen.

 

Micha, Stefan, Tobi – After-Race-Portrait von Carlos Fernandez Laser