Der Norddeutsche

„Alles ist gut“ – so lautet Rudolf Pallesens Antwort auf die Frage, ob er sich Veränderungen im Fahrradbau wünscht. Am meisten freut er sich über Kunden, die auf Empfehlung kommen. Das zeigt doch, dass seine Fahrräder passen und die Fahrer zufrieden sind. Der Gründer der Marke Norwid hat seine ganz eigene Philosophie – und feiert 2017 sein 25-jähriges Firmenjubiläum.

Text: Carina Wolfram, Fotos: Martin Schlüter

Ich sitze auf einer Holzbank an einem Küchentisch. Im Rücken ein paar dicke Kissen. Gemütlich ist es. An der Wand rechts steht ein blau gekachelter Ofen. Das Original hier im alten Bauernhaus. Mein Blick fällt auf die Küchenschränke gegenüber. Ein großer, runder Topf steht auf dem Herd. Vielleicht ein Curry. Das Brot, das darauf liegt, sieht aus wie Naan. Gewürze stehen in Gläsern und die Sonne scheint herein. Norwid-Gründer Rudolf Pallesen sitzt mir gegenüber, schenkt Tee aus einer Thermoskanne ein und erzählt von seinen Anfängen im Rahmenbau.

 

 

Nor steht für Norden, wid ist althochdeutsch für Wald. Den Norden liebt Pallesen. Nur zum Erlernen des Rahmenbaus hat er ihn verlassen und ging für ein paar Jahre in den Süden. Dort baute er bei Karl-Heinz Lange Rahmen für die Marke der Radsportlegende Hans Lutz. Dann kam er zurück und schraubte im Radladen, in dem er auch schon als Jugendlicher gejobbt hatte. 1992 war das. Doch er war noch nicht lange wieder in Schleswig-Holstein, als ihm sein ehemaliger Chef Lange die Übernahme der Marke Hans Lutz anbot. Ohne sich besonders viele Gedanken über seine kaufmännischen Fähigkeiten, den Bereich Marketing oder die Notwendigkeit der Buchhaltung zu machen, ergriff der damals 26-Jährige die Gelegenheit. Er baute sich den alten Hühnerhof um und seine eigene Fahrradmarke auf. Kurze Zeit später kam es zum Namensstreit und aus Hans Lutz wurde Norwid. Bereut er in der Rückschau etwas? „Jede Entscheidung, die ich getroffen habe, habe ich mit meinem damaligen Wissens- und Reifestand gemacht und somit hinterfrage ich sie nicht,“ sagt er.

„Manchmal hätte ich mir vielleicht ein bisschen mehr Zeit nehmen können für Entscheidungen. Im Büro von Rohloff hing so ein Spruch, der ging so ähnlich wie ‚Lieber ein Jahr lang nachgedacht als ein ganzes Leben gearbeitet‘. Davon hätte ich mir vielleicht eine Scheibe abschneiden können.“ Eigentlich hätte ich mir den Einstieg in das Portrait über einen erfahrenen Rahmenhersteller ganz anders vorgestellt. Zischendes Löten und Werkstatterlebnisse statt friesischer Küchenschnack. Aber hier in Neuendorf bei Elmshorn (nahe Hamburg) geht es nicht darum, hipp zu sein und nicht darum, Trends zu machen. Rudolf Pallesen ist sich und seinem Stil seit 25 Jahren treu. Und so ist auch seine Manufaktur ein Ort, an dem er sich mit seinen Mitarbeitern auf das Wesentliche konzentriert. Die Werkstatt, durch die wir hier hereingekommen sind, war früher der Hühnerstall. Jetzt ist sie sauber und sehr aufgeräumt. Es läuft keine Musik, es gibt keine professionelle Espressomaschine, die auf einer ausgedienten Werkbank blubbert; keinen mit alten Ledersofas und stylischen Büchern bestückten Showroom und keinen Platz für unnötige Selbstdarstellung.

 

 

Stattdessen gehe ich durch einen kleinen, vollen Ausstellungsraum in die Werkstatt und beobachte dort konzentriertes und gut organisiertes Arbeiten ohne Small Talk – im Arbeits-Outfit mit Norwid-Logo, bestehend aus grauem Hemd und Hose mit oder ohne Latz. Vor- und Nachname des jeweiligen Trägers eingestickt. Hier eine Postkarte, da ein Foto von Pallesen mit Sohn auf dem Tandem. Das war’s schon fast. Unnötiges Dekor scheint hier vollkommen fehl am Platz. Es geht um die Fahrräder, oder noch genauer: Um die Fahrradrahmen, die hier hergestellt werden. Lediglich Tim Schönheit, gelernter Goldschmied und Zweiradmechaniker, der gerade konzentriert damit beschäftigt ist, die Lötnähte aufs Allerfeinste zu versäubern, entspricht mit seinem geschwungenen Oberlippenbart dem hippen Fahrradfreak und lässt (wie das Curry in der Küche) erkennen, dass wir bei den Trends des Jahres 2017 angekommen sind.

Pallesen führt durch die Werkstatt. Die Größe der Manufaktur, die keine Zeit für überflüssige Eitelkeit lässt, ermöglicht es ihm dafür, sich einen immensen Vorrat an Material zu leisten. Englische Reynolds- und italienische Columbus-Stahlrohre liegen ordentlich sortiert in einem Regal und nehmen eine ganze Wand ein. Wahrscheinlich findet man eine solche Auswahl nicht noch einmal in Deutschland. Er zeigt und erklärt den Unterschied zwischen einem gewöhnlichen Stahl und Edelstahl. Rund, oval – alle möglichen Rohrformen gibt es hier. Schmale, instabile Rahmen, wie die alten Italiener, die gerade wieder so unendlich beliebt sind, interessieren Pallesen allerdings gar nicht. Sein Ziel ist es, den Stahl so einzusetzen, dass er bei jeder Belastung stabil bleibt. Ähnlich wie bei Aluminium- und Carbonrahmen darf das Rohr also auch ein bisschen klobiger sein, wenn das dem Zweck dient.

Falls es noch nicht ganz deutlich geworden ist: Norwid-Räder stehen vor allem für eins. Stahlrahmen. Ein Spiegel-Online-Artikel betitelte Pallesen einst als „Stahlinist“. Und nicht ohne Grund. Der Beginn der Neunziger war nicht nur die Zeit, in der Pallesen sich in die Führung einer Manufaktur einfühlte, es war auch die Zeit einiger Veränderungen im Fahrradgeschäft. Radläden verkauften statt individuell zusammengestellter Räder immer mehr vom Hersteller bereits montierte Modelle. Die wiederum gab es in größerer Vielfalt als zuvor. Der Absatz bloßer Rahmen ging zurück. Die andere, noch viel bedeutendere Entwicklung waren aber Rahmen aus Aluminium anstelle von Stahl. Ein neues Material, günstiger in der Massenfertigung und beliebter. Stahlrahmen wurden seltener. Nur wenige Rahmenbauer machten weiter, darunter Rudolf Pallesen. Er baute weiterhin auf und aus Stahl und begann, an-stelle bloßer Rahmen für Fahrradhändler (das ist dann doch ein bisschen „unsexy“, findet er), komplette Räder für seine Kunden zu fertigen.

 

 

„Jedes Rad soll seinen eigenen Stil haben“, meint er. Das bedeutet, ein klassischer Randonneur lieber gemufft, ein Rennrad fillet-brazed. Ein „sichtbares Konzept“, das ist es, was Pallesen mag. Um Missverständnissen vorzubeugen, rät er seinen Kunden „von Spielereien im Design“ lieber gleich ab. Neben der seriösen Beratung und eingehaltenen Lieferzeiten sei ihm auch eine „gute After-Sales-Betreuung“ sehr wichtig. Schließlich soll jedes Norwid am Ende mit Begeisterung gefahren werden. Die Käufer kommen von weit her, um sich hier von ihm vermessen zu lassen und am Ende auf dem passenden Rennrad, Mountainbike oder Trekkingrad zu fahren. Am Tag vor meinem Besuch war ein Kunde aus Japan da, um sein Norwid abzuholen. Letzte Woche ist ein sehr spezielles, weil Flugreise-taugliches, Tandem fertig geworden. Den Trend zum Stahlrahmen der vergangenen zehn Jahre findet Pallesen insgesamt sehr gut. „Das Spannende am Fahrradmarkt ist, dass es für jeden Hersteller das passende Publikum gibt und das finde ich super“, sagt er. „Als dröger Norddeutscher baue ich gerne sachlich sinnvolle Fahrräder und finde dafür auch mein Publikum. Design-orientierte Kunden finden dann auch in der Szene entsprechende Rahmenbauer, die für ihre Ansprüche das richtige Rad bauen.“

Ein weiterer positiver Aspekt des Trends ist noch wichtiger: In den Neunzigern war es manchmal schon wirklich schwierig geworden, an die passenden Rohrsätze zu kommen, so dünn war die Auswahl. „Und du kannst nur Rahmen bauen aus Material, das es gibt.“ Seitdem wieder mehr Stahlrahmen produziert werden, ist die Auswahl besser und der Materialeinkauf ist keine reine Beschaffungsmaßnahme. Was Pallesen von den anderen Rahmenbauern abhebt, sind außerdem seine Rahmen aus Edelstahl. Auch damit begann er 1992 und ist damit vielen mit einem Vierteljahrhundert selbst erfahrener Materialkunde voraus. Kleine Details, die ihm bei Rädern anderer Hersteller gefallen, übernimmt er dann aber auch gerne mal. Genauso, wie er versuche, sich „auch menschlich an den positiven Eigenschaften einiger Personen zu orientieren.“

120 bis 150 Fahrräder fertigt Pallesen mit seinen fünf Gesellen und einem Lehrling pro Jahr. Mehr ist einfach nicht drin für einen wie ihn, der trotz aller Verkaufsgespräche, Bestellungsabwicklung, Buchhaltung und anderen Arbeiten, die zum Alltag einer Firma gehören, noch jeden Rahmen persönlich lötet. Das behält er sich vor – und warum auch nicht? Warum sollte er versuchen, Norwid in Massen zu produzieren, wenn es gut so ist, wie es ist? Pallesen bleibt auf dem Boden der Tatsachen. Er ist zufrieden. Ein Träumer ist er nicht. Wir sind hier schließlich in Neuendorf bei Elmshorn.

 

Was aber nicht heißen soll, das Rudolf Pallesen keine Ahnung von der Welt hat. Er scheint nur einfach nicht der Typ zu sein, der unnötige Ziele verfolgt. Regelmäßig fertigt er Modelle für mehrmonatige Radreisen. Mindestens einmal im Monat bekommt er eine Anfrage, ob er eine Tour mit dem entsprechenden Fahrzeug sponsern möchte. Kunden, die bei der Bestellung begeistert von ihren Plänen erzählen, mit dem Rad in Richtung Asien aufzubrechen, hat er schon so viele bedient, dass ihm eine solche Reise inzwischen gar nicht mehr besonders individuell vorkommt: „Die tun mir immer ein bisschen leid, weil mir da inzwischen die Begeisterung fehlt.“

Da drängt sich doch die Frage auf, wo er selbst denn gerne einmal radeln möchte. Also jetzt mal ganz egal, was es kostet, wie lange es dauert oder ob es wirklich möglich ist. Afrika? Nee, politisch zu unsicher. Australien, das könnte er sich vorstellen. Aber auch Patagonien. Oder aber auch Europa – das ist ja auch schön. Besonders Skandinavien findet Pallesen immer wieder spannend. Konkreter wird er diesbezüglich nicht.

Aber ein bisschen mehr verrät er dann doch über sich. Im letzten Jahr hat er sich zu seinem fünfzigsten Geburtstag zum ersten Mal in 24 Jahren Norwid fünf Wochen Urlaub geschenkt. Neuseeland mit dem Fahrrad. Ohne Begleitung und ohne Kompromisse, ohne Tagesetappen und ohne die gewohnte To-Do-Liste, die jeden Tag nur mit viel Selbstdisziplin zu schaffen ist. Dafür im eigenen Tempo mit jeder Menge Wind. Über Nacht am liebsten im Zelt, aber auch mal im Gästebett bei neu gefundenen Freunden. Doch Entspannung lässt sich oft nicht so schnell hervorlocken und erst am Ende der Reise kam er so richtig in den Flow. Ein paar Wochen mehr hätten gut getan.