Holy Gravel beim Dirty Reiver

Langstreckenfahrten werden immer beliebter – und mit ihnen Gravel Bikes. Staffan Widell, CEO und Gründer der Firma Ass Savers hat sich auf eine 200 Kilometer lange Tour durch die nordenglische Wildnis begeben – den Dirty Reiter. Für die 2018er Ausgabe kann man sich übrigens seit Kurzem wieder anmelden.

Text: Staffan Widell
Fotos: Paolo Martelli

Unsere Strategie ist klar. Wir starten langsam am Ende des Feldes und werden dann allmählich langsamer. DFL* ist ein Abzeichen, das mit Stolz getragen werden sollte und unser Ansporn ist sowieso der Ritt und nicht der Ruhm. Wie sonst auch, schaffen wir es ganze fünf Minuten lang, uns an unseren Plan zu halten. Kurz darauf finden wir uns auf herrlichen Waldwegen wieder und nach kaltem, knisterndem Sauerstoff japsend – während wir den ersten Anstieg hochballern.

Okay, ich geb’s zu: Einer der Vorteile als Sponsor von Radsportveranstaltungen ist, dass man die spannendsten Routen mitfahren und es auch noch Arbeit nennen kann. Als Paul Errington Ass Savers mit dem Angebot kontaktierte, ein 200 Kilometer langes, zermürbendes Gravel-Rennen durch die Wildnis an der Grenze zwischen England und Schottland zu sponsern, hat es nicht lange gedauert, bis der Radfahrer in mir die Idee emotional absegnete. Ich glaube, der genaue Moment, in dem der Kampf gegen die Rationalität verloren wurde, war, als Paul mich auf die Erfordernis einer Trillerpfeife und einer Notfalldecke hinwies: „Es könnte eine Weile dauern, bis wir dich finden, wenn du verloren gehst.“

* - siehe Artikelende

Um fair zu bleiben: Der Entschluss, ein solches Rennen zu unterstützen, war auch geschäftlich-rational sinnvoll. Kurz zuvor hatten wir unseren „Ass Saver Big“ vorgestellt, einen Spritzschutz, der für diese Art von Fahrten entwickelt wurde. Dirty Reiver erschien uns als die perfekte Arena, ihn in freier Wildbahn der Zielgruppe näherzubringen und ein ehrliches, knallhartes Feedback zu erhalten.

Dirty Reiver oder #DR200 ist das Schwester-Event des schon legendären Dirty Kanza im Hinterland von Kansas, USA. Obwohl 120 Kilometer kürzer, kommt Dirty Reiver auch auf die mehr als 3.000 Höhenmeter ihres amerikanischen Bruders. Und wie alle Langstreckenfahrer wissen, sind es die Höhen-, nicht die Kilometer, die einem die Beinkraft aussaugen und schlussendlich den Willen brechen.

Das Rennen findet im riesigen Kielder Wald statt, genau an der Grenze zwischen England und Schottland. Das gesamte Areal umfasst über 650 Quadratkilometer und ist der größte künstlich angelegte Wald in England. Über 500.000 Kubikmeter Holz werden hier jedes Jahr produziert und das erfordert ein scheinbar unendlich großes Netzwerk an Schotterwegen, auf denen die gefällten Fichtenstämme abtransportiert werden. Es ist eines der entlegensten Gebiete Englands und bemerkenswert dünn besiedelt. Perfekt!


Es ist diese Art von Rennen, bei der es für die mentale Unterstützung unabdingbar ist, einen Wingman zu haben. Was bedeutet, dass ich eine Scheißangst davor hatte, allein zu fahren. Ein 15-Sekunden-Pitch reichte aus, und Johan, mein Kollege vom Verkauf, war überzeugt, mich zu begleiten. Da es um „Arbeit“ ging, brauchten wir zusätzlich einen Fotografen, um unsere Anstrengung und natürlich den Auftritt unseres Spritzschutzes zu dokumentieren. Eine kurze, überzeugende WhatsApp-Nachricht an meinen Freund und Radfotografen Paolo Martelli, die die Beschreibungen „unendlicher Schotter“ und „atemberaubende Landschaften“ enthielt, und wir waren zu dritt.

Wir landeten am Tag vor dem Rennen in Schottland und machten uns auf nach Süden, Richtung Kielder Wald. Nach ungefähr 25 Kilometern verwandelte sich die typisch britische Landschaft mit ihren malerisch schönen Schäfchenklischees in eine kaum bevölkerte Moorlandschaft mit einer schmalen, trostlosen Straße, die sich durch unzählige Täler mit kleinen Brücken und Viehgattern zog.

Das Gefühl der Abgeschiedenheit nahm im gleichen Tempo zu, wie die Netzbalken unserer Mobiltelefone kürzer wurden. Als wir schließlich im Schloss Kielder ankamen, das als zentrale Registrierungsstelle des Dirty Reiver fungierte, waren unsere Handys von jeglichen Kommunikationsmöglichkeiten abgeschnitten.


Dies wurde uns durch den uns freundlich willkommen heißenden Paul bestätigt. „Der einzige Weg, um hier zu kommunizieren, ist per CB-Funk. Oder natürlich per Festnetz.“ Ich versuchte mich daran zu erinnern, wann ich das letzte Mal das Festnetz benutzt hatte – es gelang mir nicht. Als wir eine Reihe von echten physischen Karten durchgingen, dämmerte uns langsam, dass die Koordination unserer Fahrt mit den Aufenthaltsorten von Paolo während des Rennens eine echte Herausforderung darstellen würde. Wir brauchten einen Plan.

Samstag: Race-Tag. In der Morgendämmerung treffen wir zur kurzen Regeleinweisung vor dem Schloss Kielder auf hunderte weiterer Fahrer und ihre Raureif-überzogenen Räder. Wie üblich ist die Startzone einer Veranstaltung der beste Platz, um exotische Räder zu begutachten. Vom offensichtlich intensivst genutzten Surly-Commuter mit Rohloff-Nabenschaltung und einzelner Gepäcktasche bis hin zu Porscheäquivalenten Voll-Carbon-Gravel-Maschinen mit handgemachten japanischen Reifen ist alles dabei.


Morgens 7 Uhr werden die 600 bibbernden, aber erwartungsvollen Fahrer gruppenweise losgeschickt, um Staus zu vermeiden. Wir warten bis zum Ende und rollen langsam los, unserer Strategie treu bleibend. Die Temperatur klebt nur ein paar Grad über dem Gefrierpunkt und es fühlt sich gut an, endlich unterwegs zu sein.

Nach etwa fünf Kilometern erreichen wir die erste Abfahrt und ich nehme auf dem grob geschotterten Weg Geschwindigkeit auf. Jahrelange Mountainbike-Erfahrung und die 47 Millimeter breiten Reifen helfen mir, mehrere fitte Fahrer hinter mir zu lassen. Die mich jedoch beim nächsten Anstieg wieder einholen. Plötzlich merke ich, dass Johan nicht mehr da ist und fahre einige hundert Meter zurück, um ihn am Straßenrand zu entdecken, wo er einen Platten flickt. Die vielen scharfkantigen Schieferstücke sind tückisch und wir beschließen, es ein bisschen langsamer angehen zu lassen.

Langsam tauen unsere Gliedmaßen in der Sonne auf und auch die Anstrengung tut das ihre. Der lose Untergrund wird zu festerem, verdichtetem Belag. Wir können unseren Blick von der Bodenbeschaffenheit auf die Weite der Landschaft richten. Die Hauptfunktion dieses größten Walds Englands ist die Holzwirtschaft und deshalb führt die Route des Dirty Reiver durch tiefe, dunkle Wälder, die urplötzlich riesige Lichtungen freigeben – ohne ein einziges Haus oder künstlich geschaffenes Objekt weit und breit. Diese Gegend ist gewaltig! Es ist eine Weile her, dass ich so viel Nichts auf einmal gesehen habe – und das sage ich als Schwede.


Durch diese Leere zu fahren, baut tief in mir ein Gefühl auf, das selbst Panoramafotos nicht vollständig wiedergeben können. Die Einsamkeit und Abgeschiedenheit gibt einem das sehr reale Gefühl, die Grenzen des sicheren, langweiligen Alltags zu übertreten. Klar sind wir nicht ganz allein, aber 600 Fahrer, die sich auf 200 Kilometer Strecke verteilen, zählen jetzt nicht gerade als Menschenmasse. Für eine lange Zeit fahren Johan und ich Seite an Seite in gutem Tempo, völlig im Einklang des schwedischen stillen Miteinanders. Die vorbeiziehenden Landschaften verändern sich stetig, allein der endlose Schotter bleibt.

Als wir an der ersten Verpflegungsstation ankommen, sind wir bester Dinge. Wir haben es geschafft, eine Reihe langsamerer Fahrer hinter uns zu lassen. Vorausschauend stopfen wir uns mit allem Zucker und Kohlenhydraten des beeindruckenden Buffets voll. Wir genehmigen uns zusätzlich einen schnellen, heißen Kaffee und bemerken, dass jeder um uns herum seinen Tee mit Gebäck genießt. Plötzlich fühlt sich doch alles wieder ziemlich zivilisiert an – wir sind schließlich immer noch im Vereinigten Königreich!

Nicht auf dem Rad sitzend und zivil gekleidet, behaupte ich ja immer, dass ich kein Wettbewerbsmensch bin. Aber irgendetwas Seltsames passiert mit mir, wenn ich auf dem Rad sitze und meine Beine in engem Spandex stecken. Es ist mir nachgerade peinlich: Selbst einen Fahrer zu überholen, der gerade am Waldrand austritt, bereitet mir eine unglaubliche Zufriedenheit. Ich fange an, mich als Held des Rennens zu sehen, der wie Pacman das ganze Feld aufrollt, um dann unter den Top Ten zu landen. Lustigerweise bin ich selbst nie der Sieger, als würde das den Rahmen der Fantasie sprengen. Ha! Wahrscheinlich hat jede Selbsttäuschung ihre Grenzen: Mein Tagtraum endet meist abrupt, wenn mich der Typ kurz nach seiner Pinkelpause mit doppelter Geschwindigkeit wieder überholt.


Am Rande des Reservats verwandelt sich die tiefe Waldlandschaft in ein weitläufiges, offenes Moor, das sich bis zum Horizont erstreckt. Wir fahren an Feldern vorbei, die von antik anmutenden Steinmauern gesäumt sind, die vermutlich von Bauern über die Jahrhunderte errichtet wurden. Johan hat den nächsten Platten und schafft es, seinen kompletten Essensvorrat auf den Boden zu kippen, als er sein Rad umdreht. „Wenigstens hat er sich einen schönen Ort ausgesucht“, denke ich mir, als mein Blick über die sonnigen Hügel schweift und ich Süßigkeiten vom Boden esse.

Beim zweiten Futterstopp treffen wir uns mit Paolo, unserem Fotografen. Er hat den Morgen im Auto eines Streckenpostens verbracht, um so viel wie möglich vom Rennen zu knipsen. Außerdem hat er es irgendwie geschafft, sich ein Fahrrad zu organisieren. Unser Plan ist, den nächsten Teil der Strecke gemeinsam zu fahren, um fotografische Beweise für unsere Teilnahme zu sammeln. Paolo ist jedoch nicht gut ausgerüstet und seine Kameratasche ist schwer. Darum sinkt das Tempo, während wir hin und wieder anhalten, um Fotos zu schießen. An einem bestimmten Punkt macht die Route eine Schleife und kommt fast exakt zu diesem Punkt zurück. Wir beschließen, dass Johan und ich die Schleife fahren und Paolo die Abkürzung nimmt. Was sich als Fehler entpuppen soll.


Der Zugang zu mobiler Kommunikation, zwischen allen und jederzeit, ist heutzutage selbstverständlich und macht detaillierte Absprachen überflüssig: „Schreib mir einfach, wenn du da bist!“ Wie sehr, wird schmerzlich offenbar, als die Schleife viel länger dauert als erwartet und Paolo sich denkt, dass er uns verpasst haben muss. Trotz der Tatsache, dass wir immer noch hinter ihm sind, macht er sich auf, uns einzuholen und tritt so doll rein, wie er kann – ohne Helm, in Wanderschuhen und mit zehn Kilo Fotoausrüstung. Irgendwann wird er sogar von einem anderen Fahrer für einen schlecht ausgerüsteten Teilnehmer gehalten. „Amateur!“, ruft der dem perplexen und kämpfenden Paolo zu, der von der verbalen Attacke zu überrascht ist, um zu antworten. Stattdessen verbringt er die nächsten Kilometer damit, sich italienische Schlagfertigkeiten zurechtzulegen, die alles andere als abdruckbar sind.

Währenddessen warten wir reichlich ratlos am vereinbarten Treffpunkt auf Paolo. Wir nehmen an, dass er sich entschieden haben muss, die Schleife doch zu fahren und die logische Konsequenz wäre nun, zurück zu fahren, um ihn unterwegs zu treffen. Dies würde einige Kilometer bergab bedeuten, die wir dann wieder bergauf kämpfen müssten. Aber zurücklassen wollen wir ihn natürlich nicht – so ganz ohne GPS-Gerät oder Notfalldecke.
Während Johan wartet, fahre ich also zurück. Bis mir am Fuß des Hügels die Erkenntnis dämmert, dass Paolo vorausgefahren sein muss. Also kehre ich um und gebe bergauf, was ich kann, bis ich wieder auf Johan treffe. Gemeinsam setzen wir die Jagd nach unserem Fotografen fort. Ich spüre die Extra-Anstrengung und das Ende des Anstiegs ist noch lange nicht in Sicht. Die Straße wird zu einem Trail, der in einen Wanderpfad übergeht – aber die Steigung bleibt gleich. Ich falle immer weiter hinter Johan zurück und mein Sichtfeld verengt sich alarmierend. Glücklicherweise merke ich, was los ist und während mein Rad unter mir irgendwie weiterrollt, stopfe ich mir eine komplette Tasche voller Energieriegel ins Gesicht. Zehn Minuten später fühlt sich mein Kopf viel klarer an und ich finde wieder einen Rhythmus. Immer wieder faszinierend, wie schnell sich dein Körper von der nahenden Ohnmacht erholt – wenn du nur weißt, was er braucht.


Jetzt geht’s wieder bergab und wir lassen es richtig fliegen, um Paolo einzuholen. Dann hat Johan seinen dritten Platten und wir sind schon wieder gezwungen anzuhalten. Die Anstrengung der letzten Stunden fordert ihren Tribut. Müdigkeit kombiniert mit Stress ist ein bombensicheres Rezept für Durchschläge. Und natürlich passiert es noch ein viertes Mal, diesmal genau an der Kreuzung, wo sich die 130- und die 200-Kilometer-Strecke trennen. Wenigstens können uns die Streckenposten bestätigen, dass hier vor einiger Zeit ein kleiner, verschwitzter Italiener mit einer Tasche voll Kameras vorbeigekommen ist. Wir haben mittlerweile derart viel Zeit verloren, dass wir nicht glauben, es vor dem Zeitlimit zum nächsten Checkpoint zu schaffen. Wir flicken den Platten und rollen weiter Richtung Ziellinie – aber auf der kürzeren Strecke. Es ist die richtige Entscheidung, aber die Enttäuschung wiegt schwer und wir können die letzte Abfahrt nicht recht genießen.

Es dauert noch ein paar Stunden, bis wir wieder mit Paolo vereint sind und dies auch nur mit Hilfe der Orga und ihren Funkgeräten. Er war beinahe 60 Kilometer mit all seiner Ausrüstung unterwegs! Wir verbringen den Großteil unseres wohl verdienten Abendessens im lokalen Pub „Blackcock Inn“ (kein Scherz!) damit, herauszufinden, wer zu welcher Zeit wo war. Das nächste Mal, wenn ich meinen Standort via App versende, schicke ich mental ein Dankeschön ans Silicon Valley mit. Beschwert euch, wie ihr wollt darüber, wie Technik unser Leben bestimmt – bequem ist es allemal.


Dirty Reiver ist das bekannteste Gravel-Event in Großbritannien und man versteht leicht, warum. Die Kombination aus der Abgeschiedenheit des Kielder Forest und eine herausragende Event-Organisation schnüren ein einzigartiges Paket. Ein großes Dankeschön geht an alle Freiwilligen, die stundenlang im verdammten Nirgendwo an Kreuzungen stehen mussten, um uns anzufeuern und in die richtige Richtung zu schicken. Vielen Dank auch an die anderen Reivers, die uns immer mit verschiedenen, nicht wiederholbaren britischen Grunzlauten begrüßten. Dem Vogel, der Paolo einen Amateur genannt hat, wünschen wir den Fluch des Ewigen Plattfußes an den Hals. Immer dran denken, Leute: Seid keine Arschlöcher! Und danke, Paul, für die Einladung, Du hattest Recht: Es hat uns unglaublich gut gefallen.

Staffan
Dead F**king Last

Auch 2018 gibt es wieder den Dirty Reiver – weitere Informationen und die Anmeldung gibt es unter: www.dirtyreiver.co.uk