Das Glück im Kleinen

Sie haben den Erfolg hinter sich gelassen und das Glück im Kleinen gesucht. Fünf Jahre nach der Gründung ihrer noch immer kleinen Firma Open haben es der ehemalige BMC-Geschäftsführer Andy Kessler und der Cervélo-Gründer Gerard Vroomen gefunden. Das Porträt eines perfekten Teams, das sich nur viermal im Jahr trifft. Und trotzdem mit dem unkonventionellen Open „U.P.“ die Fahrradwelt verändert hat.

Text: Simon Joller
Fotos: Marc Gasch

Sie hetzten am Leben vorbei. Statt im Sattel, saßen sie in ihren Chefsesseln, rannten vom Meeting zum Business-Lunch und weiter zu irgendeinem Event. Ihre Bankkonten füllten sich zuverlässig, das Firmenauto wurde mit jedem Wechsel luxuriöser. Aber bedeutet hat ihnen all das nichts. Sie arbeiteten in der Fahrradbranche; Zeit, selber Rad zu fahren, blieb ihnen aber keine. Ihre Jobs grabschten nach ihrem ganzen Leben. Und doch schaffte es keiner, abzuspringen von diesem sich immer schneller drehenden Karussell aus eigenem und gesellschaftlichem Anspruch. Bis den einen zwei aufwühlende Ereignisse in seinem Freundeskreis aus diesem Karussell schleuderten. Den anderen das schlichte Überquellen all des aufgestauten Frustes über dieses so komplexe und oft trotzdem so ineffiziente Geschäftsleben. Das ist die Geschichte zweier Fahrradfreunde, die ihr Leben erst nach radikalen Brüchen gefunden haben. Und aus ihren Lebensgeschichten ein gemeinsames Fahrrad gemacht haben. Das ist die Geschichte von Gerard Vroomen, Gründer der kanadischen Rennradmarke Cervélo, und von Andy Kessler, ehemaliger BMC-Geschäftsführer. Und es ist auch diejenige ihres Rades Open U.P. Das Rennrad mit den Mountainbike- Reifen ist zwar nicht das erste Ergebnis ihrer gemeinsamen Firma. Aber dasjenige, das sie als Querdenker der Fahrradszene bekannt gemacht hat. Es ist ein Fahrrad, das sich wie die beiden den Konventionen verweigert – und vielleicht gerade deswegen so erfolgreich geworden ist. Und es ist das Rad, das die beiden gerettet hat.

Eine Skype-Beziehung
Wer die beiden Querdenker heute sucht, der muss schon Glück haben, sie zusammen anzutreffen. Etwa viermal pro Jahr hätte man diese Gelegenheit. Öfter treffen auch sie sich nicht. Gerard Vroomen lebt in Amerika, hat soeben eine Wohnung in New York bezogen, von wo aus er auch arbeitet. Andy Kessler hat fast zeitgleich den neuen Sitz von Open in seiner Heimatstadt Basel eröffnet. Nahe des Rheins, ein Altbau im Multikulti-Quartier. Gegen die Straße hin ein Öko-Möbelshop, im Hinterhof eine Baustelle, weil dort das Atelier des weltbekannten deutschen Künstlers Georg Baselitz entsteht. Dazwischen die zwei kleinen Räume von Open. Ein paar ihrer Fahrräder, eine Kaffeemaschine, eine alte gusseiserne Wendeltreppe in den oberen Stock zu ihrem „Bed and Breakfast“. Am Fuß der Treppe, vor dem Fenster zum Hof: ein Tisch, darauf ganz wenig Papier und ein großer Computerbildschirm. Und vor diesem wartet Kessler nun, bis Vroomen in New York seinen Skype- Anruf annimmt. Das machen sie jeden Tag so. Dann, wenn es in Basel 15 Uhr ist und in New York 9 Uhr. E-Mailen finden beide ineffizient, miteinander reden fruchtbar. Fünf Minuten lang besprechen sie dann jeweils das Geschäftliche. Heute jedoch erzählen Vroomen und Kessler von ihrem sehr persönlichen Weg, der sie zu Open geführt hat. Es ist 2007. Kessler, der ehemalige Physikstudent und Mountainbike-Rennfahrer, hat sich bis auf den Chefsessel der schweizerischen Fahrradgröße BMC hochgearbeitet. Doch er leidet, vermisst sein Leben. Aber den radikalen Schnitt wagt er erst, als er zwei seiner besten Freunde verliert. Einer stirbt an Krebs, ein anderer begeht Suizid. Er fragt sich: Ist das, was ich habe, wirklich das, was ich will? Ein Leben auf diesem Karussell der Manager, das immer schneller dreht und ihn doch nirgends hin bringt? „Schmerzensgeld“ nennt er heute den Lohn, den er als Manager erhalten hat. Kessler kündigt den Posten als Geschäftsführer bei BMC, fährt monatelang nur Rad, verkauft vieles, lebt so einfach wie möglich. Und weiß nicht, ob er überhaupt noch etwas mit der Fahrradbranche zu tun haben will. Außer vielleicht mit Cervélo. Die Firma gefällt ihm mit ihrem technischen Ansatz, der Innovationskraft. Vroomen erinnert sich, wie er Kessler in Lausanne zum ersten Mal trifft. Es ist ein Bewerbungsgespräch. Der Schweizer möchte einen Job bei Cervélo. Also bei ihm. Die beiden finden Gefallen aneinander, Kessler erhält die Stelle. Kein Topjob mehr, er ist zwar Verkaufsleiter International, kann aber sein Ding machen. Kessler schwärmt noch heute vom chaotischen Team rund um Vroomen, das so sympathisch anders funktionierte.

Für immer zu zweit
Vier Jahre lang ist Kessler Vroomens Angestellter. Dann verlassen beide Cervélo. Für Kessler der kleinere Schritt als für Vroomen. Schließlich ist Vroomen einer der beiden Gründer von Cervélo. Nach seiner Ausbildung zum Ingenieur hat er die Firma zusammen mit Phil White ins Leben gerufen. Cervélo ist sein Lebenswerk. Doch er ist jetzt an dem Punkt, an dem Kessler als BMC-Geschäftsführer gewesen ist. Rückblickend sagt er, er habe sich zu 90 Prozent mit Dingen beschäftigt, die ihm keinen Spaß gemacht haben. Der Ausstieg ist eine schwierige Entscheidung. Viele raten ihm ab davon. Aber er ist eine Erlösung. Vroomen lebt nun mit seiner jungen Familie bescheiden, in einer kleinen Wohnung, ohne Auto. Er lässt vieles hinter sich. Nur eines nicht, seine Liebe zum Fahrrad. Und so nimmt er wieder Kontakt auf mit seinem ehemaligen Verkaufsleiter Kessler. Er weiß: Kessler kann die Projekte, die er im Kopf hat, als Organisator und Kommunikator zum Erfolg bringen. Zu zweit gründen sie Open. Und nehmen sich vor, dass ihre Firma nie größer werden soll als beim Start. Vroomen sagt, er sei jetzt, fünf Jahre später, endlich wieder glücklich. Glück und Bescheidenheit, das sind die Worte, die immer wieder fallen im Gespräch mit den beiden. Sie haben sich bewusst für die kleine Firma entschieden. Open ist bis heute nicht gewachsen, wenn man das Personal betrachtet. Vroomen entwickelt die Räder, Kessler erledigt den Rest. 

Wenn sie jetzt einen Assistenten mit 50-Prozent-Pensum angestellt haben, dann nur, weil Vroomen sich parallel nun auch bei 3T engagiert und nur noch zu 50 Prozent für Open arbeitet. Doch das Glück in der Bescheidenheit zu finden, kann ganz schön schwierig sein. Der Start vor fünf Jahren ist schwieriger als gedacht. Sie lancieren zwar bald einen ultraleichten Mountainbike-Rahmen, der ein schönes Medienecho auslöst und sich anständig verkauft. Doch mit nur einem einzigen Modell, das wissen sie schon da, können sie sich nicht über Wasser halten. Drei Jahre lang versuchen sie, neue Projekte anzustoßen. Einmal gehen 100.000 Euro in einem erfolglosen Projekt verloren, ein anderes Mal geht eine Firma pleite, die ihr vollgefedertes Mountainbike hätte bauen sollen. Das Open-Fully kommt nie auf den Markt. Ein Rennrad darf Vroomen wegen einer drei Jahre dauernden Sperrklausel nach dem Ausstieg bei Cervélo nicht entwerfen. Die Firma kostet und kostet. Kessler erinnert sich, wie schwierig diese Zeit gewesen ist. Er hat sein ganzes Pensionskassengeld in das Projekt Open gesteckt und eine Familie gegründet. Zu allem Übel hat dann auch noch seine Frau ihren Job verloren. Waren Gerard und er doch zu naiv? Haben sie ihr altes, sicheres Leben vorschnell aufgegeben?

…. TO BE CONTINUED … 

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