Der Weg zum perfekten Ötztaler – Folge 2

Für viele Hobbyradsportler sind die 238 km und 5.500 hm des Ötztaler Radmarathons das Maß aller Dinge. Einer, der am 2. September 2018 in Sölden am Start steht, ist Marbod Jaeger. Alle zwei Wochen nimmt er uns mit auf den Weg zum perfekten Ötztaler – eine Chronik der idealen Wettkampfvorbereitung.

Text und Fotos: Marbod Jaeger

An seinen letzten Tagen trug mein Großvater eine Windel für Erwachsene. Man darf sich das vom Tragekomfort her ähnlich wie eine Radhose mit Sitzpolster vorstellen. Osenberg hatte sich vor ein paar Jahren für seine Teilnahme bei Trondheim-Oslo im Vorfeld in einer Drogerie eine Großpackung Windeln gekauft. Eine ganze Zeit lang startete er im Frühjahr zu Übungszwecken bei einigen RTFs mit diesen Dingern. „Auf der Langstrecke geht es nicht ohne.“, behauptete Osenberg. Wie so oft sagte er dann aber kurzfristig seine Teilnahme ab. Trondheim-Oslo fand ohne Osenberg statt. Zumindest ohne ihn scheint es also zu gehen.
Beim Ötztaler ist es dagegen nicht so überlebensnotwendig die Gruppe zu halten. Man fährt am Berg sowieso für sich und kann, wenn nötig, jederzeit eine kurze Pipipause einlegen, ohne dabei viel Zeit einbüßen zu müssen.

Und doch möchte ich heute das gezielte Training einiger beim Ötztaler äußerst wichtiger Muskelgruppen ansprechen, was leider viel zu oft leichtfertig vernachlässigt wird.

Fangen wir erstmal mit den Basics an. Denn schon bei der Startaufstellung kann man den Ötztaler verlieren. Vielleicht ist die Nervosität zu groß um zwischen Frühstück und vorzeitigem frühmorgendlichen Aufbruch zum Start noch ausgiebig die Hoteltoilette zu besuchen. Erstmal stellt das kein Problem dar. Der Veranstalter hat für solche Fälle Dixi-Klos in Sölden aufgebaut. Insgesamt 3 Stück. Für 4.000 Teilnehmer. Hier kann es eng werden. Der Schließmuskel ist jetzt gefragt. Ist sichergestellt, dass er ausgiebig trainiert wurde und zuverlässig dicht hält?

Der Dachs fährt gerne im Frühjahr zum Training in eine belgische Kneipe, lässt sich dort volllaufen und radelt danach mit voller Blase stundenlang über’s Kopfsteinpflaster. Osenberg hat sich sogar ein Dixi-Klo von einer Baustelle geklaut und in seinem Wohnzimmer neben das Ergobike gestellt. Was genau er damit zuhause anstellt, weiß ich nicht.

Wichtig ist, sich von außen deutlich hörbar bemerkbar zu machen. Hier zählt bereits jede Sekunde. Die Oberarme dürfen nach minutenlangem Trommeln nicht vorzeitig schlapp machen. „Die Schläge müssen gleichmäßig und vor allem laut sein.“, empfiehlt der Dachs.
Einmal drin im Dixi-Klo müssen die Ohren dann aber auf Durchzug gestellt werden. Lasst euch nicht stören! Es heißt ja nicht umsonst Stilles Örtchen. Osenberg hätten die Wartenden vor Wut mal beinahe mitsamt der Dixi-Box umgeworfen. Der Mob kippte den Kasten in bedrohliche Schräglage. Als Osenberg schließlich rauskam, sah es aus, als trüge er braune Überschuhe.

Wichtig: hier an dieser Stelle besteht die letzte Möglichkeit nochmal eine Menge unnötiges Gewicht loszuwerden. Gerade am Berg zählt doch, wie jeder weiß, jedes Gramm.

Mein Ziel beim Ötztaler? Ich werde es richtig krachen lassen.

Marbod Jaeger, Kolumnist, fährt jährlich mehr als 25.000 km Rad, immer auf der Suche nach neuen Stories. Einige davon finden sich in jeder fahrstil-Ausgabe wieder oder in seinen Büchern, erschienen im Delius Klasing Verlag.