Der Weg zum perfekten Ötztaler – Folge 4

Für viele Hobbyradsportler sind die 238 km und 5.500 hm des Ötztaler Radmarathons das Maß aller Dinge. Einer, der am 2. September 2018 in Sölden am Start steht, ist Marbod Jaeger. Alle zwei Wochen nimmt er uns mit auf den Weg zum perfekten Ötztaler – eine Chronik der idealen Wettkampfvorbereitung.

Text und Fotos: Marbod Jaeger

„Du brauchst Bärgä.“, sagte Cerny in seinem tschechischen Dialekt zu mir, als er hörte, dass ich dieses Jahr zum Ötztaler Radmarathon will. „Ja, ja.“, antwortete ich ihm. Mir ist schon klar, dass für den Ötztaler ordentlich Höhenmeter gesammelt werden müssen. Cerny war früher Profi. Das ist schon lange her. Cerny ist fünfzehn Jahre älter als ich, aber auf dem Rad macht er mir immer noch etwas vor. Seinen Rat nehme ich also gerne an. „Wohin gehst du ins Trainingslagär?“, wollte er wissen. „Hmm, auf Mallorca hat es doch letztes Frühjahr so viel geregnet. Und kalt war es auch. Außerdem habe ich keinen Bock auf Osenberg.“, sagte ich. Da hatte Cerny einen tollen Tipp für mich. Auf Gran Canaria lebt Massimiliano, ein italienischer Exprofi, mit dem Cerny früher in einer Mannschaft gefahren ist. Ich solle zu ihm fliegen und dort gemeinsam mit ihm in den Bergen trainieren.

Als ich Massi begegnete, fühlte ich mich wie im falschen Film. Vor mir stand ein braungebrannter hagerer Mann, der scheinbar nur aus Muskeln zu bestehen schien. Mit diesem Athleten sollte ich zusammen auf die Strecke gehen? Ich fühlte mich plötzlich total fett. Massi erklärte mir, dass er für die „WM“ in Varese trainieren wolle. Das Wetter auf Gran Canaria war super. Massi führte mich jeden namhaften Anstieg der Insel rauf. Mit in unserer Trainingsgruppe war zudem Josi, die leichtgewichtige Strava-Queen, deren Ziel es war, fleißig Krönchen zu sammeln.

Zur Vorbereitung auf den Ötztaler letztes Jahr hat sich Cerny zwei Unterhemden aus der Schublade gesucht und beide nacheinander auf die Waage gelegt. Das leichtere Hemdchen ließ er sich dann von seiner Frau enger nähen. Außerdem sollte sie noch ein paar Zentimeter vom Saum abschneiden. Ich weiß das nur, weil Cernys Frau mich fragte, ob so ein Gewichtsfanatismus normal sei. Auf Gran Canaria war es herrlich warm. Wir konnten kurz-kurz fahren. Für die Abfahrten hatte Massi eine „Windweste“ dabei, weil er schnell fror.  Als er sich das Teil anziehen wollte, sah ich, dass es sich dabei nur um eine dünne Plastiktüte handelte, die er sich ausgefaltet vorne unters Trikot steckte. Die Plastiktüte hatte Massi zuvor zerschnitten, so dass sie nur noch aus einer Hälfte bestand.

Am vierten Tag (einen Ruhetag gab es nicht) wollten wir das „Tal der Tränen“ rauf fahren. Ich dachte, der Name bezöge sich auf Missernten der Plantagenbesitzer. Die schmale Bergstraße heißt aber einzig und allein wegen dort zu erwartenden Qualen für Radsportler so. Auf dem Weg dorthin trafen wir am zweiten Pass auf eine von Alessandro Ballan geführte Trainingsgruppe. Das Tempo zog immer mehr an. Ballan sah sich um und beschleunigte wie ein Rennpferd. Massi klebte an seinem Hinterrad. Wir anderen jagten hinterher. Schließlich musste Massi abreißen lassen, fuhr rechts ran und schnappte sich vom Straßenrand eine Pylone, die er sich wie ein Sprechrohr vor dem Mund hielt. „Forza! Forza!“, feuerte er mich an. Und tatsächlich gelang es mir, nochmal an Ballan heran zu kommen. Völlig außer Atem kam ich als Zweiter auf dem Pass an. Ballan hielt seinen Daumen hoch. An dieser Stelle ein wichtiger Hinweis: beim Ötztaler kann es schnell passieren, dass man sich in einer Gruppe befindet, die ausschließlich mit Italienern besetzt ist. Da muss die Kommunikation stimmen. Insofern war mein Bergsprint mit Ballan eine gute Übung. Allerdings war es andererseits auch ziemlich sinnlos, vor der eigentlichen Steigung des Tages bereits alle Körner zu verschießen. In welch desolatem Zustand ich mich nun befand, merkte nicht nur der Kellner, als ich bei unserem Café-Stopp meine Bestellung abgab: „Cola sin gas.“ Alle hatten Spaß. Ich lachte höflich mit.

Dann erst folgte der richtige Anstieg. Angeblich war die normale Route gesperrt, weswegen uns Massi eine steile Abkürzung hinauf lotste. „Nimm zwei volle Flaschen mit!“, hatte Massi mir bei unserer Pause geraten. Aber warum war ich der einzige, der jetzt zwei Flaschen am Rahmen hatte? „Wieviel wiegst Du?“, fragte mich Josi. Dieser Satz hätte auch von Osenberg kommen können. Ich sackte regelrecht in mich zusammen. Dann trat Josi an und verschwand mit Massi um die nächste Ecke. Der Asphalt war schlecht, die Sonne glühte, die Rampe blieb durchgängig bei ca. 20 % Steigung. Manchmal konnte ich Josi und Massi weit oberhalb von mir sehen, während ich den Berg raufschlich.

Super war´s. So zumindest der allgemeine Tenor. Aber Massi wollte am folgenden Tag lieber mit seinem Wattmesser und ohne mich trainieren. Und Josi sagte: „Morgen fahre ich mit der Sportgruppe.“ Und wer bitte schön, waren wir? Später traf ich noch auf einige Jungprofis vom Team Bora. Die Jungs machten zum Glück gerade Pause. Sie kamen mit ihren Radschuhen und einer Tasse Cortado aus einem Café gestakst, als ich an ihnen vorbei bergab fuhr. So blieb mir eine weitere Schmach erspart. Die Woche darf aber als voller Erfolg verbucht werden. Ich weiß jetzt wieder, was Berge sind.

Marbod Jaeger, Kolumnist, fährt jährlich mehr als 25.000 km Rad, immer auf der Suche nach neuen Stories. Einige davon finden sich in jeder fahrstil-Ausgabe wieder oder in seinen Büchern, erschienen im Delius Klasing Verlag.