Der Weg zum perfekten Ötztaler – Folge 5

Für viele Hobbyradsportler sind die 238 km und 5.500 hm des Ötztaler Radmarathons das Maß aller Dinge. Einer, der am 2. September 2018 in Sölden am Start steht, ist Marbod Jaeger. Alle zwei Wochen nimmt er uns mit auf den Weg zum perfekten Ötztaler – eine Chronik der idealen Wettkampfvorbereitung.

Text und Fotos: Marbod Jaeger

Jetzt erzähle ich Euch mal von meinem Erlebnis gestern am Weißen Stein. Nach dem erfolgreichen Bergtraining auf den Kanaren sollte die neu gewonnene Form am heimischen Hausberg getestet werden. Quasi sollten nun die Lorbeeren eingefahren werden. Es ist ja auch mental immens wichtig zu wissen, dass man sich auf dem richtigen Weg zur perfekten Form für den Ötztaler befindet.

Nach kurzem Einrollen durch Heidelberg ging es in die Steigung. Gleich zu Beginn im Albert-Überle-Weg sah ich einen Mountainbiker vor mir. Kein Helm. Großer Rucksack, wo oben quer eine dicke Daunenjacke drauf steckte. Der Mann fuhr im Zick-Zack Schlangenlinien. Er hatte mich wohl bemerkt, denn er wurde etwas schneller. Immer noch Schlangenlinie. An der steilen Ecke, wo man auf den Philosophenweg trifft, fuhr er im Bogen ganz außen links. Ich überholte innen, wo es am Steilsten ist.

Oben im Flachstück hielt ich kurz für ein Foto. Die Ansicht der Altstadt von Heidelberg mit der Alten Brücke liegt im deutschlandweiten Postkarten-Ranking auf Platz 3 hinter dem Brandenburger Tor und dem Hamburger Hafen, noch vor dem Kölner Dom und München mit seinem Alpenpanorama. Dafür kann man ruhig mal anhalten.

Unerwartet bald kam die Daunenjacke an mir vorbei. Ich hatte die Kamera noch nicht weggesteckt. Kurz darauf überholte ich den Typ erneut. Wie eben deutlich schneller als er. Im Wald bog ich halblinks in die Steigung. Spaziergänger guckten irgendwie blöd hinter mich. Da merkte ich, der Typ war an mir dran. Also ging ich in den Wiegetritt. 

Er war immer noch hinter mir. Ein Schlangenlinienfahrer mit langen grauen Haaren, klobigem Rucksack und markenlosen Turnschuhen?!! Die Situation begann mich aufzuregen. Ich ließ ihn vor. Er wollte nicht. Sein Deutsch war schlecht oder kurpfälzisch. Ich weiß es nicht. 

Jetzt konnte ich ihn beobachten. Seine Füße standen wie bei einem Kind mittig auf den Bärentatzenpedalen. Aber er legte ein irres Tempo vor. Wann würde er einbrechen? Kurz fuhr ich neben ihn. Sein Kopf war dunkelrot. Seine Atmung konnte ich nicht hören, weil meine eigene so laut war. Er wurde unsicher, behielt das hohe Tempo aber bei. Beinahe musste ich abreißen lassen. Er ächzte. Ich sagte: „Ist noch ein Stückchen bis oben.“ Er sagte so was ähnliches wie „Ich fahre nur locker.“ So ein Arsch! Und ich Idiot ließ mich darauf auch noch ein. Kurz vor dem Zollstockbrunnen wollte ich eigentlich an ihm vorbeisprinten, traute mich aber nicht, weil wir immer noch ziemlich schnell fuhren und noch viel Berg vor uns lag. 

An der Kreuzung Zollstockbrunnen hörte er auf zu treten und sagte etwas. Ich verstand es nicht. Er wiederholte. Angeblich wollte er lieber einen steilen Umweg fahren. Sein Gesicht war jetzt fast lila. „Mach das mal“, sagte ich. Garantiert ist er abgestiegen, als ich um die Ecke entschwunden war. Mit Sicherheit kann ich das aber nicht sagen. Vielleicht war ich ja der Verlierer, weil ich ihm nicht in den steilen Singletrail gefolgt bin? Zu dem Zeitpunkt stand er allerdings fast.

Später drehte ich mich nochmal um, ob er nicht vielleicht doch erneut von hinten angreifen würde. Nichts zu sehen. Oben am Weißen Stein hatte ich in der Strava Rangliste Platz 7 erreicht. Hätte ich nicht kurz vor dem Gipfel ein Selfie gemacht, wäre noch eine Minute weniger drin gewesen. Aber verdammt nochmal, wie konnte der Typ so stark fahren? Kleidung und äußerliche Erscheinung ließen auf einen Sozialfall oder Künstler schließen. Ein Trainingslager auf den Kanaren würde ich bei ihm wohl eher mal ausschließen wollen. Die Frage ist doch, ob so eine teure Flugreise trainingstechnisch überhaupt lohnenswert ist. Den Ötztaler betreffend habe ich irgendwie das Gefühl wieder bei Null anfangen zu müssen. Von den Alpträumen möchte ich gar nicht erst reden.

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Marbod Jaeger, Kolumnist, fährt jährlich mehr als 25.000 km Rad, immer auf der Suche nach neuen Stories. Einige davon finden sich in jeder fahrstil-Ausgabe wieder oder in seinen Büchern, erschienen im Delius Klasing Verlag.