Der Weg zum perfekten Ötztaler – Folge 7

Für viele Hobbyradsportler sind die 238 km und 5.500 hm des Ötztaler Radmarathons das Maß aller Dinge. Einer, der am 2. September 2018 in Sölden am Start steht, ist Marbod Jaeger. Alle zwei Wochen nimmt er uns mit auf den Weg zum perfekten Ötztaler – eine Chronik der idealen Wettkampfvorbereitung.

Text und Fotos: Marbod Jaeger

Für viele Leute ist Urlaub die schönste Zeit des Jahres. Dann genießen sie es, einfach mal nichts zu tun. Auf die Idee, in ihrer Freizeit 238 km mit 5.500 Höhenmetern Radzufahren, kommen nur wenige Menschen. Die Couchpotatoes wissen einfach nichts mit ihrer kostbaren Zeit anzufangen. Am Ende haben sie dann noch jede Menge Resturlaub übrig. Und um genau diese Tage geht es hier heute.

Der Ötztaler hat nicht nur jede Menge Höhenmeter, sondern ist auch ziemlich lang. Streckenlänge muss also auch trainiert werden. Manche Radsportler tun sich schwer damit zuhause in gewohnter Umgebung die übliche Runde drastisch zu verlängern. Die Versuchung, unterwegs abzukürzen, ist einfach zu groß. Ideal ist da ein Ausflug an den Lago Maggiore. Die 166 km rund um den See lassen sich nicht abkürzen. Allerdings ist diese Tour ab Mai nicht mehr zu empfehlen, da der Verkehr auf der Uferstraße im Sommerhalbjahr deutlich zunimmt.

Wem es also nicht reicht, am Wochenende an einer RTF teilzunehmen, dem empfehle ich, sich für eine ausgedehnte Trainingsstrecke einen Tag frei zu nehmen. Ein 200 km Radausflug durch den Kraichgau oder besser noch ins Zabergäu fühlt sich garantiert nach Ferien an. Modautal und Mossautal sind ebenfalls wunderbare Tourenziele. Diese Täler klingen vielleicht wie böhmische Dörfer, sind aber gut mit dem Rad von meiner Haustür aus erreichbar. Einfach mal ins Blaue fahren! Auf diese Weise baue ich im Frühjahr wöchentlich meinen Resturlaub ab. Eigentlich wollte ich auch einen Tag zusammen mit dem Dachs im Bergischen Land verbringen. Aber er ging überhaupt nicht auf meinen Vorschlag ein. Anscheinend bin ich ihm zu langsam oder er will seine Zeit nicht mit mir verplempern. Der Dachs hat eine andere Strategie. Um sich für die lange Strecke zu motivieren fährt der Dachs gerne von der Haustür bis an die belgische Grenze und belohnt sich dort mit einer großen Portion Pommes Frites. Osenberg tourt sogar durch die Pfalz bis nach Frankreich. Aber weil er kein Französisch spricht, kriegt er dort auch nichts zu essen. Osenberg ist auch schon einmal von Heidelberg aus auf den Kandel im Schwarzwald und zurück gefahren. Als Beweis zeigte er mir stolz seine Quittung vom Gipfelrestaurant. Hat Osenberg dort oben wirklich ein Schnitzel und 2 Bier konsumiert?

Für mich gibt es nichts Schöneres, als mir ein weit entferntes Tagesziel zu überlegen und von dort mit einem Foto vom Ortsschild zurückzukehren. Noch wertvoller ist natürlich ein Selfie vor einem richtigen Passschild.

Es ist auch erlaubt, an solch einem Tag erstmal mit dem Auto in die Zielregion anzureisen. Nach den letzten Erfahrungen müssen auch die Bandscheiben an die Belastung einer langen Autofahrt gewöhnt werden, damit man am Stichtag nicht mit unerwarteten Beschwerden in Sölden aufwacht. Um die lange Autofahrt kommen wir beim Ötztaler nicht drum herum. Selbst Osenberg kam bisher nicht auf die Idee, mit dem Rad nach Sölden zu fahren. (Es heißt allerdings, Osenberg habe es angeblich mal versucht, sich dann aber in Axams hoffnungslos verfahren und den Start verpasst.)

Ihr habt keinen Resturlaub mehr? Dann hat Cerny den richtigen Tipp für Euch: macht doch mal blau!

Den Montag nach dem Ötztaler Radmarathon habe ich mir frei genommen. Erholung ist dann angesagt. Wenn das Wetter es erlaubt, will ich zum Ausrollen die Ötztaler Gletscherstraße fahren. Die Strecke von Sölden zum Rettenbachferner führt auf den höchsten mit dem Rennrad erreichbaren Punkt der Alpen in 2.830 m Höhe. Die 15 km lange Sackgasse weist längere Abschnitte mit über 14 % Steigung auf. Etwas mehr als 1.600 Höhenmeter sind zu bewältigen. Daran sollte ich während meiner Teilnahme am Ötztaler Radmarathon besser noch nicht denken.

Marbod Jaeger, Kolumnist, fährt jährlich mehr als 25.000 km Rad, immer auf der Suche nach neuen Stories. Einige davon finden sich in jeder fahrstil-Ausgabe wieder oder in seinen Büchern, erschienen im Delius Klasing Verlag.