Rando Vibes: Von München nach Heidelberg

„Hey, was geht an Pfingsten?“ „Da bin ich in München.“ „Ok, dann lass uns doch von da nach Heidelberg fahren.“ So die kurze, knappe Büroidee, deren Streckenplanung dann mit drei Mausklicks vervollständigt wurde. Komoot, München, Heidelberg. 345km im Selbstversuch. 

 

München HBF –  Während Tobi schon in der bayrischen Landeshauptstadt weilt, treffen Christoph und Matthi pünktlich mit dem Fernbus ein. Meine Anfahrt wird von der Deutschen Bahn verhagelt, so dass sich die Abfahrt um rund 1,5 Stunden verspätete. Los geht es also um 1:32 Uhr mit gemischten Gefühlen – keiner von uns hat bisher eine solche Strecke am Stück bewältigt.

 

Text und Fotos: Micha Ziegler

KM 0
Raus aus der Bahnhofshalle und rein in den Regen – es schüttet aus Kübeln. Zum Glück ist um diese Uhrzeit wenig Verkehr, dafür ist bei Nacht und Nässe höchste Konzentration gefragt. Die Handschuhe sind nach wenigen Minuten durch, Schuhe folgen etwas später.

KM 15
Wir kehren München den Rücken. Auf dem Land ist es kalt und dunkel. Die Euphorie ist im oberen Bereich, ebenso die Trittfrequenz. Das Tempo ist gut. In den Schuhen steht Wasser.

KM 50
Es geht weiter über Felder und durch Wälder. Meist auf sehr gut ausgebauten Radwegen, ab und zu über Schotter. Wir sind nun rund zwei Stunden unterwegs, der Rückenwind hilft und noch überblendet die Anfangsenergie unterkühlte Gliedmaßen. Falsch gepackt?

KM 70
Augsburg. Der erste Stop, abgesehen von Pinkelpausen. In einer Tankstelle bekommen wir wärmenden Tee und „ein etwa bierdeckelgroßes, in Alu eingeschweißtes Weizengebäck (Zitat: Spiegel Online)“. Leider dürfen wir nicht im Innenraum verweilen, werden aber vor der Tür Zeuge, wie sich eine offensichtlich alkoholisierte Dame mit Genussmitteln nachversorgt; das Taxi wartet derweil draußen und die Uhr tickt.

KM97
Auf einer kleinen Abfahrt verliert mein Hinterreifen Luft. Der Stillstand erfolgt zum Glück exakt vor einer Grillhütte, so dass ich den Schlauch im Trockenen wechseln kann. Derweil hört es dann aber fast auf zu regnen. Viel sollte nicht mehr vom Himmel kommen.

KM 100
Durch den Scheppacher Forst geht es in den Tag hinein. Einen Sonnenaufgang suchen wir vergebens, den Genuss gewährt uns die grau-triste Suppe leider nicht. Dafür zwitschern die Vögel. 

KM 115
Bei Dillingen überqueren wir die Donau. Es ist immer noch kalt und nass, dafür nun immerhin hell und gefühlt steigt das Quecksilber ganz leicht.

 

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KM 135
Pfingstsonntag am östlichen Ende der Schwäbischen Alb – keine Bäckerei weit und breit hat geöffnet. In Dischingen werden unsere Frühstücksgebete in Form eines mobilen Bäckerei-Trucks erhört. Darin kredenzt eine sehr nette Dame mit viel Haarspray unverschämt günstige Backwaren. In der Bushaltestelle genießen wir Käse-Schinken-Croissant und Mascarpone-Rote-Grütze-Teilchen, nach und nach decken sich mehr und mehr Dorfbewohner für den Feiertag ein. Meist Anfahrt per PKW. 

KM 144
Der erste richtig knackige Anstieg der Tour zeigt sich ohne Vorwarnung. Laut Komoot mit 13,9%. Ist man bisweilen doch eher im Stromsparmodus gefahren, geht es hier in den roten Bereich. Kurzer Fotostopp am Golfclub Hochstatt, dann folgt eine längere Gravel-Passage durch den Wald. Sehr schön, doch der weiche Untergrund kostet Kraft. 

KM 165
Auf einer Anhöhe hat unsere Truppe den zweiten und letzten Platten des Tages. Dieses mal Christoph – bei vier Fahrern, acht Reifen und 345km sind wir damit aber gut bedient. Aus verschiedenen Gründen fiel unsere Wahl übrigens auf Compass-Reifen in den Breiten 32mm, 35mm und 38mm. Die 38er hielten Stand. (Alle gekauft 😉 No paid endorsement)

KM 170
Nach diesem ersten Plateau folgt die rasende Abfahrt nach Aalen hinunter. Tut gut. Die Tankstelle, an der unser Track vorbei führt, hat zu.

KM 182 
Dagegen hat die Freie Tankstelle in Hüttlingen geöffnet. Drinnen fragen wir uns, was da so streng riecht, bis wir feststellen, dass der Gestank von uns ausgeht. Stichwort: Pumakäfig. Wir füllen die Flaschen auf, manche gönnen sich ein zweites, abgepacktes Pizzagebäck. Dann geht es auf schön kurvigen Radwegen den Kocher entlang.

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KM 220
Ein MTB-Local führt uns in Gaildorf zum Bräuhaus. SchniPoSa, Holzfällersteak, Mauldaschesupp – im urigen Ambiente gibt es alles, was das hungrige Herz begehrt. Dann setzt die Müdigkeit ein, im Sekundentakt nicken wir am Tisch weg. Aber es muss weitergehen. Wie auch bei Hans, 94, der jeden Tag mit seinem Rollator herein wackelt, um sich sein Bier zu genehmigen. Heute schließt das Gasthaus aber schon um 14 Uhr – es ist Viertel nach, eigentlich kommt Hans immer um drei – trotzdem bekommt Hans sein Bier. „Willsch auch ein Jägermeischter däzu?“

KM 243
Nach einigen idyllischen, sanft ansteigenden Kilometern im Wald, biegen wir rechts ab, sehen die Rosersmühle vor uns und auch den Steilhang zu ihrer Linken. Da geht es dann hoch, mit zum Teil über 14% Steigung. Das zweite Brett des Tages. Schlaucht.

KM 255
Ein weiterer Tankstop. Noch mal schnell die Flaschen voll machen und weiter. Oh, es gibt Eis! Also doch noch fünf Minuten vor der Tanke. Gratis Unterhaltung durch Biker-Gangs und getunte Kleinwagen. 

KM 260 
Landschaftlich wertvolle Abfahrt von Löwenstein, dabei kurzer Blick in die Ferne. Unten, gefühlt, mediterrane Temperaturen. Es rollt. 

KM 288
Bad Wimpfen. Der letze knackige Anstieg, inklusive Secteur Pavé, verlangt noch mal alles, entschädigt aber durch die mittelalterliche Szenerie und die Gewissheit, das Klettern hinter sich zu haben. 

KM 295
Eine landwirtschaftliche Erntemaschine spendet uns für ca. zehn Kilometer Windschatten und lässt uns mit über 40 Sachen gen Heimat rollen. Als er rechts abbiegt und wir links müssen, sind es noch rund 40 Kilometer bis Heidelberg.

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KM 310 
Wir kennen uns aus. Hier sind wir regelmäßig unterwegs, so dass der Blick aufs Navi obsolet wird. Unser Quartett wird ruhiger, jeder fokussiert sich auf die eigene Fahrt. Aufmerksam bleiben und im Rhythmus. Das Ziel is nahe. Durchhalten. 

KM 345
Ankunft am fahrstil Klubhaus. Der Wahoo zeigt 14:25h Fahrzeit, insgesamt sind wir nun ziemlich genau 19 Stunden unterwegs. Mit dem Schnitt von fast 24km/h sind wir sicher zufrieden, aber in dem Moment des Loslassens setzt die Erschöpfung ein, so dass ein Fazit zu späterer Stunde gezogen werden muss. Vielleicht in ein paar Tagen, vielleicht auch nicht.