Der Weg zum perfekten Ötztaler – Folge 10

Für viele Hobbyradsportler sind die 238 km und 5.500 hm des Ötztaler Radmarathons das Maß aller Dinge. Einer, der am 2. September 2018 in Sölden am Start steht, ist Marbod Jaeger. Alle zwei Wochen nimmt er uns mit auf den Weg zum perfekten Ötztaler – eine Chronik der idealen Wettkampfvorbereitung.

Text und Fotos: Marbod Jaeger

Das Höhenprofil beim Ötztaler ist ganz einfach. Nur viermal bergauf. Eigentlich ganz leicht zu merken. Ebenso wie der Streckenverlauf: immer rechts abbiegen. Der ein oder andere erinnert sich vielleicht noch an Osenbergs Malheur in den frühen Nullerjahren. Als er nämlich in angeblich aussichtsreicher Position liegend kurz vor dem Ziel falsch abgebogen ist. Osenberg erzählte mir, „kurz hinter Zwieselstein habe ich den letzten Lutscher mit einem Zwischensprint abgehängt. Damit lag ich uneinholbar in Führung. Der Sieg war mir nicht mehr zu nehmen.“ Blöd nur, dass er sich dann kurz vor dem Ortseingang von Sölden verfahren hat. Die Zuschauer am Streckenrand haben natürlich wild gestikuliert und laut gebrüllt. Aber Osenberg nahm diese aufgeheizte Atmosphäre als Anfeuerung wahr und jagte die 14 % steile Gletscherstraße rauf. Erst nach 14 Kilometern am Rettenbachferner auf 2.830 m Höhe bemerkte er seinen Irrtum. Dort oben brach er dann völlig ein. Wie so oft: Osenberg did not finish.

Besser ist es also sich im Vorfeld Streckenverlauf und Höhenprofil des Ötztalers einzuprägen, damit einem nicht derselbe Fehler unterläuft wie Osenberg damals. Ich selber wende dazu einen simplen Trick an. So gut wie jeden Mittag unterbreche ich die Büroarbeit für eine Stunde und fahre meine Runde nach Ochsenbach. Ursprünglich stammt diese Idee von meinem ehemaligen Arbeitskollegen Cerny. Der tschechische Ex-Profi lebt inzwischen als Frührentner in seinem alten Wohnmobil in Südfrankreich. Wir trainieren nur noch selten gemeinsam in Ochsenbach.

Die Strecke der Ochsenbach-Runde entspricht ungefähr einem Zehntel des Ötztalers. Und sie kommt auch auf ungefähr ein Zehntel der Höhenmeter, verteilt auf ebenfalls vier vom Profil her vergleichbare Anstiege. Lockeres Einrollen nach Nussloch, ähnlich wie die Startphase bis Ötz. Anstatt an anderen Rennfahrern, orientiere ich mich auf diesem Abschnitt an Bussen, Lastwagen und Taxis. „Alte B3 Sprintrampe“ heißt dort ein relevantes Strava-Segment. Dann links ab Richtung Maisbach. Ja, zugegeben, das ist der einzige Unterschied zum Ötztaler: ich fahre die Runde grundsätzlich linksrum.

Der „Nussloch-Maisbach Climb“ geht zu Anfang genauso in die Beine wie das Kühtai. Danach eine schnelle kurvige Abfahrt. 100 km/h habe ich dort bisher noch nicht erreicht. Aber auf den folgenden Segmenten „Maisbach-Ochsenbach 1.Anstieg“ und „Maisbach-Ochsenbach 2.Anstieg“ halte ich seit Jahren die Bestzeit. Die kleinen Hügel simulieren gut die kurzen giftigen Rampen auf dem Brenner. Hinter Ochsenbach folgt der nächste Berg. „Anstieg Ochsenbach-Gauangelloch“. Auch hier bin ich amtierender Kuppenkönig auf Strava. Der Vergleich zum Jaufenpass hinkt an dieser Stelle etwas, weil ich beim Ötztaler ab Sterzing meist schon ums Überleben kämpfen muss. Die Laktatkonzentration in meinen Oberschenkeln passt jedoch.

Aber dann folgt der letzte Berg zum Gaiberger Kreisel. Der längste Anstieg dieser Runde, genau wie es das Timmelsjoch beim Ötztaler ist. Und die knapp 3 km zum Gaiberg entsprechen genau einem Zehntel vom Timmelsjoch. Ja sogar den gemeinen Gegenanstieg zwischen überstandenem Timmelsjoch und der Zahlstelle der Mautstation habe ich in meiner Ochsenbach-Runde berücksichtigt. Das Segment „Lingental Rampe“.

Für den Zielsprint biege ich schließlich hinter der Moschee im Industriegebiet nach rechts. Nun stimmt die Richtung auch wieder mit Sölden überein.

Innerhalb von zehn Tagen habe ich also in meiner Mittagspause den Ötztaler absolviert. Und das alle zwei Wochen in ständiger Wiederholung. Ob das trainingstechnisch besonders sinnvoll ist? Der Dachs sagt, das sei „total fuzzy“. Jedenfalls habe ich dadurch vor der Originalstrecke des Ötztalers keinerlei Angst oder allzu großen Respekt. Ich kenne den Weg quasi wie meine Trikottasche. Alles kommt mir so vertraut vor. Meine Rechnung ist so einfach wie es klingt: Ötztaler = 10 x Mittagspause machen.

Daher lautet meine Empfehlung für Euch: sucht Euch zuhause eine Strecke, die ungefähr oder irgendwie dem Ötztaler entspricht! Und fahrt dort so oft wie Ihr könnt und stellt Euch dabei vor, Ihr wärt in den Ötztaler Alpen. Und fahrt jeden Hügel am Anschlag! Originalton Osenberg: „Du brauchst richtig auf´s Maul.“ Der Dachs wohnt im Norden. Er ersetzt die fehlenden Berge einfach durch nasskalten Gegenwind. „Kühlt schön.“, merkte Osenberg neulich in seiner süffisanten Art dazu an. Jetzt ist jedenfalls auch klar, was Cerny meinte mit seinem Trainingstipp: „mach mal Pause!“

Ob mir diese tägliche Strecke nicht irgendwie langweilig wird? Ich lasse die Bilder für mich antworten.

Marbod Jaeger, Kolumnist, fährt jährlich mehr als 25.000 km Rad, immer auf der Suche nach neuen Stories. Einige davon finden sich in jeder fahrstil-Ausgabe wieder oder in seinen Büchern, erschienen im Delius Klasing Verlag.