Wunderschöne Quälerei: fahrstil beim Jeroboam 300

Lombardei, Italien. Auf halber Strecke zwischen Bergamo und Breschia liegt das malerische Dörfchen Erbusco, das an dem sonnigen Septemberwochenende als Basisstation für das Jeroboam-Event dient. Das Wort Jeroboam stammt aus dem Weinbau – naheliegend in dieser Region – und bezeichnet eine großvolumige Flasche mit meist 4,5 Liter, manchmal auch 5 Liter Fassungsvermögen. Umgemünzt auf Gravel verspricht das dann eine 300km lange Strecke mit mehr als 6.000 Höhenmetern. Auch kürzere Strecken konnten beim Jeroboam bewältigt werden, wie etwa 150km mit dem Rennrad, 75km und 37,5km auf Schotter.

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Am Samstag morgen machen wir uns und unsere Bikes bereit. Wir sind zu viert angereist, zwei von uns haben eigene Räder dabei, die anderen beiden werden auf Testrädern von 3T unterwegs sein. An dieser Stelle ein großes Dankeschön für die Räder! Der italienische Hersteller nutzt das Event-Format um sein Gravel-Bike Exploro zu promoten. Wir schreiben uns ein und nach dem Briefing geht es fast pünktlich um 9 Uhr auf die Strecke. Hinter der ersten Kurve wartet auch der schon er erste Anstieg – ein kleiner Vorgeschmack auf das, was kommen sollte. Nach einigen Stops, bei denen wir die Demo-Bikes hier und da noch mal nachjustieren, kommen wir langsam ins Rollen. Die ersten Kilometer verlaufen flach bis hügelig. Sogar einige spaßige Singletracks sind eingebaut. Es geht durch Weinberge, kleinere Ortschaften und Wäldchen, aber auch an nicht ganz so schönen Industriegebieten und vorstädtischen Einkaufsstraßen entlang. Geht es bisher gen Osten, wenden wir uns in Breschia nach Norden und folgen dem Fluss Mella. Die ersten Bergketten rücken bedrohlich ins Blickfeld. Rund 50km nach dem Start geht die Kletterei so langsam los. Und wie! Rhythmische Anstiege wechseln sich mit brutal steilen Rampen ab, die regelmäßig über 20% Steigung aufweisen. Der Höchstwert sollte bei 28% Prozent liegen, Innsbruck lässt grüßen. Dazu kommt aber noch, dass der Untergrund dabei keinesfalls geteert ist. Von Plattenwegen, über Schotterpisten, bis hin zu eher losem Erdmaterial ist alles dabei. Die Bergluft, das kühlende Quellwasser und die fantastischen Aussichten entlohnen für die Mühen. Meine drei deutlich fitteren Mitfahrer müssen meist auf mich warten. Der erste Verpflegungsstop folgt nach knapp 70km und einer rasenden Abfahrt. Zum Glück geht es dort, wo es hoch geht, auch wieder runter. 

Dann folgt aber sofort wieder eine dieser Rampen, die glücklicherweise in eine von Serpentinen gesäumte Straße übergeht. Endlich so etwas wie ein Rhythmus. Nach einer weiteren kurzen Abfahrt geht es nun in den ca. 24km langen Anstieg bis hoch auf 1.600 Meter. Das Dach der Tour. Wenige Minuten später befinden wir uns inmitten der Natur. Alte Forst- und Landwirtschaftswege schlängeln sich durch verlassene Täler. Ich muss des öfteren mein Rad schieben, es ist steil. So wechselt die Szenerie der nächsten Sunden kaum, bis wir irgendwann die Baumgrenze erreichen. Ein herrliches Bergpanorma zeigt sich um uns herum. Wir folgen dem Track, der meist gut zu navigieren ist, über eine Kuhwiese und gehen die letzten rund 100 Höhenmeter an. Schiebend, tragend, wuchtend. Der Track führt auf einem Wanderpfad hinauf. Ich bin echt platt. Nach einer kurzen Verschnaufpause auf dem Grat geht es voller Vorfreude in die lange Abfahrt. Denkste. Schnell müssen wir feststellen, dass hier äußerste Vorsicht geboten ist. Die steilen Wege sind voller losem Geröll. Der italienische Gravel unterscheidet sich doch deutlich von dem, was wir aus süddeutschen Gefilden kennen. Was eben noch die Beine waren, sind jetzt Arme und Oberkörper. Teilweise wünschen wir uns breite Stollenbereifung und Federweg. Mit Vorsicht manövrieren wir uns durch den Schotter und in den Gegenhang. Nach einem weiteren knackigen Anstieg erwartet uns das Rifugio Amici Miei, der zweite Kontrollpunkt. Nach Rennkilometer 107 ist es ist 19 Uhr. Spätestens jetzt ist klar: das Ding hatten wir unterschätzt. Wir trinken ordentlich Cola und gönnen uns eine Platte Pasta – Aglio e Olio. Draußen wird es dunkel. Für mehrere italienische Mitfahrer ist das der Punkt zum Umkehren. Sie beteuern uns, dass die Strecke sich für die nächsten 30 Kilometer mit den gleichen Beschaffenheit auszeichnet, sodass auch an unserem Tische Diskussion um die Fortsetzung entflammen. Aufgeben möchte niemand, aber so eine Abfahrt im Dunkeln zu bewältigen, hätte wenig mit fahrstil zu tun. Eher mit fahrlässig. Wir sind kurz davor eine alternative Route zu planen, entschließen uns dann aber weiterzufahren. Bis es mir kurz darauf endgültig den Stecker zieht. Ich werfe die Sinnfrage noch mal in die Runde. Wir einigen uns schnell. Im nächsten Ort haben wir LTE und planen einen alternativen Track. Es ist schließlich noch zu früh, um heimzugehen. In einer Bar bekommen wir noch vier Espressi und zwei Tüten Chips. Sogar Oliven werden kredenzt. Dann führt uns die Route durch die Dunkelheit und an den südwestlichen Zipfel des Gardasees, nicht ohne vorher noch mal den Original-Track zu kreuzen und weitere 1.000hm zu bezwingen. Wir rauschen die kurvigen Abfahrten hinunter zum See. Es ist mitten in der Nacht, nur noch 90km Reststrecke liegen vor uns. Diese ist aber weitestgehend flach. Ich habe Hunger, aber langsam kann ich keinen Riegel mehr sehen. Bitte etwas Salziges. Um 4 Uhr morgens rettet mich der Drive-In eines bekannten Fastfood-Restaurants. Selten hat es so gut geschmeckt. Dann geht es noch mal rund zwei Stunden zurück zum Start. Als wir ankommen ist es 6 Uhr. Unser Wahoo zeigt 230km mit ca. 3.000hm. Ich habe gemischte Gefühle. Vermutlich hätten wir jetzt 2/3 der Strecke hinter uns gebracht, das wäre ein langer Sonntag geworden und wahrscheinlich eine Ankunft außerhalb des Zeitlimits. Definitiv war das Jeroboam eine harte Nuss. Definitiv reizt eine weitere Teilnahme in etwas besserer Verfassung. 

Im Nachgang haben wir gehört, dass von den rund 100 Startern auf der 300km-Strecke nur 40 ins Ziel gekommen sind. Das sagt schon einiges über die Härte des Events aus. Dem Gefühlstief des DNF stehen viele positive Erfahrungen entgegen. Wir haben traumhafte Landschaften bei bestem Wetter genossen. Wir haben viele Bekannte wieder getroffen und neue Bekanntschaften gemacht. Wir sind in einem Abenteuer an unsere Grenzen gegangen – jeder auf seinem Level – und auch wenn es nicht kam, wie geplant, sind wir dafür belohnt worden.

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Lobbymeter:

Den Mitgliedern vom Team fahrstil wurden vom Veranstalter die Startplätze gestellt – vielen Dank! Alle weiteren Kosten wurden selbst getragen. Auch zu erwähnen: Das fahrstil Klubhaus war im Juni diesen Jahres Austragungsort eines weiteren 3T-Gravel-Events. Und vielleicht gibt es ja im Jahr 2019 eine Fortsetzung?

 

Text und Fotos: Micha Ziegler

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