Der Weg zum perfekten Ötztaler – Folge 3

Für viele Hobbyradsportler sind die 238 km und 5.500 hm des Ötztaler Radmarathons das Maß aller Dinge. Einer, der am 2. September 2018 in Sölden am Start steht, ist Marbod Jaeger. Alle zwei Wochen nimmt er uns mit auf den Weg zum perfekten Ötztaler – eine Chronik der idealen Wettkampfvorbereitung.

Text und Fotos: Marbod Jaeger

Bei uns in Deutschland dauert der Winter ein halbes Jahr. Die Temperaturen im März sind genauso wie im November. Der April ist kälter als der Oktober. So zumindest die Mittelwerte. Es bleiben also gerade mal fünf Monate ohne winterliche Verhältnisse. Wenn wir Glück haben!

Dieses Jahr findet der Ötztaler besonders spät statt. Nicht wie üblich Ende August, sondern wenn es diesmal losgeht, ist schon September. Das bedeutet, es wird morgens noch ziemlich dunkel sein. Und bestimmt auch kälter als gewohnt. Und genau darauf muss man sich bereits jetzt schon einstellen. Denn trotz unseres ewig langen Winters sind hier die Tage bald gezählt, an denen man zuhause das Anrollen durch die dunklen Gassen von Sölden zur Startaufstellung üben kann. Ihr solltet also die Tage vor der Umstellung auf die Sommerzeit noch intensiv nutzen, um ausgiebig Kilometer bei Fahrten durch Kälte, Dämmerung und Dunkelheit zu sammeln. Eure Augen müssen sich daran gewöhnen. Sonst seht ihr in Sölden nämlich nichts!

Und wer garantiert uns, dass es am Kühtai nicht schon den ersten Wintereinbruch gibt, wenn sich das Fahrerfeld an diesem Septembermorgen den ersten Berg des Tages hinaufquält? Als Teilnehmer des Ötztalers habe ich dort oben öfter Schneeregen erlebt. Ja, das ging in kurz-kurz mit Armlingen und ohne Regenjacke. Aber damals war ich auch noch jünger. Oder dümmer?

Inzwischen bin ich so schlau, dass ich weiß, worauf es beim Ötztaler ankommt. Nämlich ausschließlich auf eine gute Vorbereitung. Dunkelheit und Kälte werden mich heuer in Sölden sicher nicht überraschen, denn ich werde vorbereitet sein.
Ihr kennt den Trick mit den Handschuhen? Morgens wird es im Ötztal auf alle Fälle taufrisch sein. Nehmt für den bergab führenden Abschnitt bis Ötz unbedingt alte Handschuhe mit. Diese könnt ihr dann am Kreisverkehr zu Beginn des Kühtais an den Straßenrand werfen. Weg mit dem Ballast!

Auch der Dachs bereitet sich gewissenhaft vor. Ich habe ihn die Tage ein paarmal nachts am Weißen Stein gesehen. Es war saukalt. Am Straßenrand lagen noch jede Menge Schneereste. Der Dachs trug keine Handschuhe. Aber einen mit schweren Wackersteinen gefüllten Rucksack. „Am Kühtai werde ich mich ohne diesen Ballast fühlen wie eine Feder.“, sagte er mir. Würde der Dachs die abendliche Flasche Rotwein weglassen, könnte sein Plan durchaus funktionieren.

Osenberg ist schon einen Schritt weiter. Er fährt längst die ersten Berge. Die Rede ist nicht vom Königstuhl oder irgendwelchen Kraichgauhügeln. Eigentlich wollte ich erst in der nächsten Folge auf das Thema Berg zu sprechen kommen. Doch Osenberg hat mich gebeten, der Leserschaft seine Grüße auszurichten. Also bitte: „Schöne Grüße vom Berninapass.“
Man beachte, Osenberg trainiert dort oben ohne Handschuhe. So läuft´s Business.

Marbod Jaeger, Kolumnist, fährt jährlich mehr als 25.000 km Rad, immer auf der Suche nach neuen Stories. Einige davon finden sich in jeder fahrstil-Ausgabe wieder oder in seinen Büchern, erschienen im Delius Klasing Verlag.