Der Weg zum perfekten Ötztaler – Folge 6

Für viele Hobbyradsportler sind die 238 km und 5.500 hm des Ötztaler Radmarathons das Maß aller Dinge. Einer, der am 2. September 2018 in Sölden am Start steht, ist Marbod Jaeger. Alle zwei Wochen nimmt er uns mit auf den Weg zum perfekten Ötztaler – eine Chronik der idealen Wettkampfvorbereitung.

Text und Fotos: Marbod Jaeger

Bernd Hornetz, der etwa gleichaltrige Gesamtsieger des Ötztaler Radmarathons von 2016, hatte dieses Frühjahr ziemliche Rückenbeschwerden. Mir selber geht es inzwischen kaum besser. Der spontane Trip über die Ostertage in Osenbergs Trainingslager an der Costa Brava ist meinen Bandscheiben nicht gut bekommen. 11 Stunden Autofahrt ohne Pause waren in Kombination mit drei Tagen à 200 km Rad-Ausfahrten einfach zuviel für mein Alter. Ich hätte vielleicht den entscheidenden Angriff Osenbergs an den sausteilen Rampen des 1.000 m hohen Mare de Déu del Mont nicht mitgehen sollen, zumal mein Rücken zu diesem Zeitpunkt bereits arg zwickte. Höchste Zeit also, dass wir uns hier dem wichtigen Thema Gesundheit zuwenden.

Nach meiner Rückkehr zuhause konnte ich mich umgehend krankmelden. Ich konnte vor Schmerzen nicht mehr gehen, nicht stehen, nicht sitzen, nicht liegen. Aber Radfahren, das ging komischerweise immer noch. Sowieso beherzige ich seit jeher Cernys goldene Regel: immer weiterfahren!

Mit dem Ötztaler vor der Brust ist an eine längere Pause natürlich nicht zu denken. Allerdings strahlt der Schmerz aus dem Lendenwirbelbereich durch das ganze linke Bein bis in den mittlerweile teilweise tauben Fuß. Doch sobald ich auf dem Rad sitze, ist die Situation durchaus erträglich. Es fehlt jedoch die gewohnte Antrittsstärke, besonders auf dem linken Pedal. Ich muss also dringend reagieren.

Als Therapie habe ich mir ein Trainingswochenende in den Vogesen überlegt. Der Autositz tut meinem Rücken momentan zwar nicht so gut, aber irgendwie muss ich im Sommer ja auch nach Sölden kommen. Übung macht den Meister.

Als neuwertig möchte ich meinen körperlichen Zustand nicht unbedingt beschreiben. Beide Schultern sind nach diversen Radunfällen ramponiert, ein Finger ist krumm und jetzt auch noch der Rücken. In Osenbergs Body stecken jede Menge Kraft und Mut, und in mir 2 größere Metallteile und insgesamt 18 Schrauben. Wenn mir nicht bald ein genialer Einfall bezüglich meines Vorbereitungstrainings kommt, werde ich meine Strategie für den Ötztaler wohl überdenken müssen. Ist persönliche Bestzeit ein realistisches Ziel? Wäre Ankommen nicht schon eine außerordentliche Leistung? Wie immer schwanken meine Gefühle zwischen Sieg und totaler Niederlage.

Jetzt stehe ich vor dem B&B Hotel in Wintzenheim. Mit mir zusammen sind ein paar Trainingsfreunde ins Elsass gekommen. Und selbstverständlich sind auch Osenberg und der Dachs mit dabei. Nicht nur das Wetter verspricht heiter zu werden.

Wir fahren direkt auf eine dunkle Regenwand zu. Natürlich im Renntempo. Aber ich sitze gut im Windschatten der anderen. Doch bereits nach 5 km ist vorerst Schluss. Die Gruppe flüchtet vor dem einsetzenden Starkregen in ein kleines Café. Apropos Café, davon haben sie in Frankreich keine Ahnung.

Der Dachs checkt alle drei Minuten den Regenradar auf seinem Handy. „Den Kachelmann verklage ich wegen Falschaussage“, mault der Dachs. Und während wir auf den Abzug der Regenfront warten, plaudert Osenberg über den Inhalt seiner Trikottasche. „Ich habe immer drei Ibuprofen dabei.“, gesteht er. Die Augen vom Dachs beginnen zu leuchten: „400 oder 800 mg?“, hakt er interessiert nach.

Irgendwann verliert der Erste von uns die Nerven und wir brechen wieder auf, obwohl der Regen noch nicht ganz aufgehört hat. Ich sitze nicht gut auf dem Rad und muss mich um Anschluss bemühend am Ende des Feldes aufhalten, während vorne bereits die ersten Attacken gehen.

Am Anstieg zum Petit Ballon bin ich dann plötzlich selber mit einigem Abstand in Führung. Nur noch 3 Km bis zum Col. Ich sehe mich um. Osenberg und der Dachs liegen ein gutes Stück zurück. Deutlich erkennbar, wie sehr sie fighten um mich einzuholen. So richtig näher kommen sie mir aber trotzdem nicht. Als ich die Auberge passiere, ahne ich bereits, dass der Gipfel des Petit Ballon mir gehören wird. Da höre ich Osenberg von hinten brüllen: „Mittagspause! Wir halten an der Auberge!“ Auf meinem Tacho stehen erst 40 km, und wir kehren bereits zum zweiten Mal ein? Osenberg schafft es immer wieder mich zu überraschen. Als Erster kommt er mit einem gut gefüllten Tablett voll mit Flammkuchen und Omelett aus der Auberge und nimmt auf der Außenbestuhlung in der Sonne Platz. Eine Fahrtunterbrechung, während der mit Essbesteck gearbeitet wird, kommt mir irgendwie komisch vor. Wenn ich solch ein Verhalten beim Ötztaler Radmarathon an den Tag lege, drohe ich spätestens an der Labe Schönau vollständig zu versacken.

Am zweiten Tag erklärt uns Osenberg das Profil für die heutige Etappe. „Flach bis zum Grand Ballon.“ Ich freue mich schon auf eine angenehme Fahrt im Windschatten der starken Jungs. Wir verlassen allerdings bereits am Ortsausgang die Rheinebene und jagen einen Weinberg nach dem anderen rauf. Ein paar kleine Cols werden auch noch mitgenommen. Das Ziehen in meinem Rücken verstärkt sich. Aus unerklärlichen Gründen kann ich vorerst die Hinterräder der anderen noch halten.

Kurz hinter Cernay ist es für mich dann aber vorbei. Der Anstieg zum Grand Ballon hat kaum begonnen, da bin ich schon abgehängt. Letzter! Und meine Radfreunde sind alle außer Sichtweite. 21 km sind es von hier bis zum Gipfel, fast so lang wie das Timmelsjoch. Die nächsten knapp zwei Stunden werde ich allein den Berg raufschleichen und kann dabei meinen Gedanken nachgehen. Es dreht sich um Schmerz, Verzweiflung und Frust. Und um die Frage, ob Ischias eine schöne griechische Insel ist.

Aber schließlich habe ich den Grand Ballon doch bezwungen. Ich habe es geschafft! Und so viel Vorsprung hatten Osenberg und der Dachs dann auch nicht vor mir. Wenn man jetzt mal meinen Zustand bedenkt, müsste ich mit derselben Kraftanstrengung ohne Handycap sicher doppelt so schnell fahren können. Mein Physio hat mir gesagt: „den Rücken kriegen wir bis zum Ötztaler wieder in den Griff.“ Warum also nicht? Wenn Bernd Hornetz Rückenprobleme hat, könnte ich dieses Jahr doch den Gesamtsieg anpeilen. Oder ich denke mal über das Thema Übertraining und seine Auswirkungen nach. Aber dazu mehr in einer der nächsten Folgen.

Marbod Jaeger, Kolumnist, fährt jährlich mehr als 25.000 km Rad, immer auf der Suche nach neuen Stories. Einige davon finden sich in jeder fahrstil-Ausgabe wieder oder in seinen Büchern, erschienen im Delius Klasing Verlag.