Der Weg zum perfekten Ötztaler – Folge 8

Für viele Hobbyradsportler sind die 238 km und 5.500 hm des Ötztaler Radmarathons das Maß aller Dinge. Einer, der am 2. September 2018 in Sölden am Start steht, ist Marbod Jaeger. Alle zwei Wochen nimmt er uns mit auf den Weg zum perfekten Ötztaler – eine Chronik der idealen Wettkampfvorbereitung.

Text und Fotos: Marbod Jaeger

Osenberg sagte neulich: „eigentlich gibt es im Radsport nur zwei Monumente. Den Ötztaler und die Tour de France.“ Da hielt ich es für eine gute Idee, für ein paar Trainingskilometer nach Frankreich zu fahren. In den Vulkanbergen der Auvergne genoss ich die nahezu autofreien Straßen über landschaftlich tolle Pässe wie zum Beispiel den knapp 1.600 m hohen Puy Mary, wo immer noch gut erkennbar von fleissigen Fans mit weißer Farbe in fetten Buchtaben „Allez, Allez!“ oder „Bardet“ und „Sagan“ auf die Fahrbahn gemalt wurde. Allerdings machten die Eisheiligen in diesem Mai im französischen Zentralmassiv ihrem Namen alle Ehre. Die Freunde schickten mir aus der Heimat Fotos von nackt im Neckar badenden Studentinnen und ich fuhr leicht fröstelnd mit Arm- und Knielingen zwischen Altschneefeldern hindurch. Bei meiner Abreise war es zuhause richtig sommerlich gewesen, weshalb ich nun dummerweise kaum wärmere Kleidung im Gepäck hatte. Als ich am vierten Morgen im Cantal aufwachte, war die Landschaft vor meinem Fenster vollständig weiß. Ich entschloss mich zur Weiterreise in den Süden. Auf der Autofahrt Richtung Provence kamen mir auf den Höhenzügen der Cevennen Schneeräumfahrzeuge entgegen. Der Straßenzustand erinnerte sehr an Sibirien im tiefsten Winter. In den Alpen und speziell beim Ötztaler habe ich schon manche Wetterkapriolen erlebt, aber noch nie einen solchen Wintereinbruch.

In der Provence schien wie immer die Sonne. Cerny empfing mich vor seinem Wohnmobil, das er in Sichtweite des Campingplatzes von Bedoin auf einem Acker geparkt hatte. Cerny zeigte auf den Berg hinter sich. Der Mont Ventoux! „Da fahren wir morgen 3 x rauf.“, sagte Cerny. Wie er so seinen Finger in den Wind streckte, stellte er mit leuchtenden Augen fest: „Mistral!“

Wir wollten den Ventoux am nächsten Tag von allen drei Seiten rauffahren. Der Himmel war blau. Die Temperatur war vielleicht etwas frischer als üblich, aber im Anstieg merkt man das ja nicht so. Schon bald lief mir der Schweiß ins Gesicht und brannte fürchterlich in den Augen. Leicht schleierhaft konnte ich erkennen, wie mir Cerny im Wiegetritt davonzog. 500 m vor dem Gipfel konnte ich Cerny dann rufen hören. Lautstark brüllte er immer wieder meinen Namen. Es sollte wohl eine Art Anfeuerung sein. Er hörte überhaupt nicht mehr auf mit seinem Theater. Alle Augen waren aber auf mich gerichtet. Mein Gott, wie peinlich! Ich konnte nicht mehr beschleunigen und alle Welt sah nun, wie ich als Geschlagener die letzten Meter zum Gipfel gekrochen kam. Was für eine Demütigung! Ich stürzte mich umgehend in die rasante Abfahrt.

Den zweiten Anlauf auf den Gipfel nahmen wir von Malaucène aus in Angriff. Jetzt war ich fest entschlossen mich zu rächen. Schulter an Schulter erreichten wir zeitgleich den weißen Funkturm auf der Bergspitze. Also musste die Entscheidung bei der dritten Auffahrt von Sault aus fallen. „Wir müssen uns nicht bekämpfen.“, sagte Cerny. Der Wind hatte deutlich aufgefrischt. „Tramuntana.“, stellte Cerny fest. Er wollte deswegen lieber schleunigst zum Surfen an die Küste fahren. Es gab an diesem Tag keine dritte Auffahrt mehr für uns. Wer will schon zum „Club der bekloppten Radfahrer“ gehören, die sowas nötig haben?

Am nächsten Tag hatte ich aber einen neuen Trainingspartner an meiner Seite. Osenberg war spontan für einen Kurztrip angereist. Er war bisher noch nie am Mont Ventoux gewesen und hatte gehörigen Respekt vor diesem mythischen Berg. Wir starteten gemeinsam an diesem herrlich sonnigen Morgen. Ich hatte richtig gute Beine. Der Himmel war strahlend blau. Nur über dem Gipfel stand eine kleine Miniwolke.

Den Mont Ventoux umgibt ein gewisser Mythos. Dazu beigetragen hat auch Tom Simpson, der 1967 während einer Tour-Etappe kurz vor dem Gipfel tot vom Rad fiel. Ich finde die heutige Situation am Ventoux eher mysteriös denn mythisch. Unzählige Hobbyfahrer quälen sich im Schneckentempo teils schiebend den steilen Berg hinauf. Am Timmelsjoch würde man solchen Leuten nie begegnen. „Viel zu anstrengend“, würden sie sagen. Aber auf den Ventoux pilgern sie zuhauf. Fehlt nur noch, dass sie auf Knie den Berg raufrutschen. Jedenfalls gaben uns die Hobbyfahrer ein gutes Gefühl, als wir sie einen nach dem anderen überholten. Osenberg attackierte mich nicht. Zu groß war sein Respekt vor dem berüchtigten Ventoux. Wir unterhielten uns und kamen dabei überraschend zügig vorwärts. Dann ging alles ganz schnell.

6 km vor dem Gipfel war noch blauer Himmel über uns.
4 km vor dem Gipfel fielen erste Tropfen aus einer unbedenklichen Wolke.
3 km vor dem Gipfel setzte starker Regen ein.
2 km vor dem Gipfel schüttete es immer noch.
Rechts vom Gipfel war aber noch blauer Himmel zu sehen.
Als ich den letzten Kilometerstein vor dem Gipfel passiert hatte, war die Straße weiß. Eis knisterte unter den Rennradreifen.
„Sofort umkehren!“ kreischte Osenberg hysterisch.
5 km Rückzug zum Chalet Reynard.
Das meiste davon bergab schiebend.
Hunderte andere Radfahrer stolperten zitternd den Berg hinab.
Ein echtes Desaster.

Einige durchnässte Hobbyfahrer hatten sich in einer zugigen Schutzhütte untergestellt und hüpften darin auf der Stelle herum. Osenberg wollte sich schon zu ihnen gesellen. Ich befahl ihm aber, dass wir nicht anhalten durften. Reinhold Messner hat es oft genug gepredigt: wer auf dem Berg bleibt, ist verloren.
Andere fuhren zu dem Zeitpunkt immer noch in kurzer Kleidung den Berg hinauf. Inzwischen war die Temperatur auf 0 Grad gefallen. Innerhalb so kurzer Zeit war ich vom Schwitzen zum Schlottern gekommen.
Im Chalet Reynard machten sie an dem Tag guten Umsatz mit Heißgetränken, Trikots und Regenjacken. Ansonsten Szenen wie aus dem Krieg. Verzweifelte Gesichter, gezeichnet von Kälte und Schmerz.
Nach einer halben Stunde kam dann die Sonne hervor und wir begaben uns sofort in die restliche Abfahrt. Am Ende stand ich wieder unten in Bedoin in der warmen Sonne. Lust auf eine weitere Auffahrt an diesem Tag hatte ich in dem Moment nicht mehr.
Oben erwartete mich schließlich nicht mehr als ein monumentales Naturdrama. Der ganze Berg war in einer riesigen schwarzen Wolke verschwunden.
Doch immer noch fuhren Radfahrer hinauf in den Schnee…
Später hörte ich im Radio, dass 7 Randonneure mit starken Erfrierungen vom Mont Ventoux gerettet werden mussten. Der weiße Gigant hatte es mal wieder allen gezeigt. Ihr solltet mal Osenbergs Version von der Story hören!

 

 

Heute möchte ich noch einen weiteren Aspekt erwähnen. Schnee und Kälte sind nicht die einzigen möglichen Hürden auf dem Weg zum Sieg beim Ötztaler Radmarathon. Wer weiß, ob es im Finale nicht zu einem Sprint auf der Hauptstraße von Sölden kommt? Also muss auch die Antrittsstärke gewissenhaft und konsequent trainiert werden. Da passt es gerade hervorragend, dass diesen Samstag um 14 Uhr vor dem fahrstil-Klubhaus 100 m Sprintduelle ausgetragen werden. Gesucht werden Heidelbergs schnellste Beine. Ich werde alles geben. Und sei es nur, um für partymäßige Stimmung zu sorgen. Mehr dazu in Kürze an dieser Stelle.

Marbod Jaeger, Kolumnist, fährt jährlich mehr als 25.000 km Rad, immer auf der Suche nach neuen Stories. Einige davon finden sich in jeder fahrstil-Ausgabe wieder oder in seinen Büchern, erschienen im Delius Klasing Verlag.