Der Weg zum perfekten Ötztaler – Folge 9

Für viele Hobbyradsportler sind die 238 km und 5.500 hm des Ötztaler Radmarathons das Maß aller Dinge. Einer, der am 2. September 2018 in Sölden am Start steht, ist Marbod Jaeger. Alle zwei Wochen nimmt er uns mit auf den Weg zum perfekten Ötztaler – eine Chronik der idealen Wettkampfvorbereitung.

Text und Fotos: Marbod Jaeger

Beim Ötztaler Radmarathon werden sie auch dieses Jahr wieder scharf kontrollieren. Nicht nur die ordentliche Startaufstellung, das korrekte Anbringen der Rückennummer und vorschriftsmäßiges Verkehrsverhalten betreffend, auch noch hinter der Ziellinie kann man disqualifiziert werden. Deswegen muss ich hier leider das unangenehme und nervige Thema Doping ansprechen, denn es wird in Sölden wieder Dopingkontrollen geben. Schlimm, dass sowas bei Hobbyfahrern notwendig ist! Doch gerät man als starker Fahrer schnell unter üblen Verdacht. Wie man sich auf solche Vorwürfe vorbereiten kann, lest Ihr hier:

Am vergangenen Samstag standen 300 km in meinem Trainingsplan. Die Strecke von Heidelberg nach Strassbourg und zurück. Unsere Gruppe war mit 9 starken Fahrern gut besetzt. Und natürlich waren Osenberg, Cerny und der Dachs wie immer bei solchen Ausfahrten mit dabei. Start war bei Sonnenaufgang kurz vor 6 Uhr. Es sollte ein ziemlich heißer Tag werden mit Temperaturen weit über 30 Grad. Wie vom Dachs empfohlen hatte ich mir mit einer Schere ein großes Belüftungsloch in die unter meinem Helm aufgesetzte Rennmütze geschnitten. Die ursprüngliche Kappe bestand nun nur noch aus einem Stoffring mit Schirmchen.

Ich hatte richtig gute Beine und fuhr die erste Stunde über durchgängig vorne im Wind. Etwas, das man nach Cernys Auffassung grundsätzlich nie tun sollte. Und prompt bekam ich nach 35 km die Quittung. Dummer Zufall? Ein hochgiftiges Insekt flog mir in einen Helmschlitz und stach mich brutal und mit aller Gewalt in die Stirn. Ich hatte den Durchmesser des Belüftungslochs in der Rennkappe wohl etwas zu groß bemessen. Noch bei voller Fahrt riss ich mir sofort den Helm vom Kopf.

„Biene, Wespe oder Hornisse?“, wollte jemand von hinten wissen. Das war für mich bei 38 km/h schwer zu ermitteln gewesen. Und der Stachel, den ich mir aus der Stirn gezogen hatte, ließ sich nicht einwandfrei zuordnen. Ich hoffte auf Kühlung durch Fahrtwind. Ohne Anzuhalten fuhren wir weiter.

Allmählich fing es bei mir aber immer mehr an zu jucken. Am Kopf, in den Ohren, zwischen den Beinen, unter den Armen, in den Kniekehlen. Jetzt fuhr ich nur noch am Ende des Feldes.

Nach 85 km, kurz hinter der französischen Grenze, wollten wir in Lauterbourg eine kurze Kaffeepause einlegen. Osenberg war voraus gesprintet und stoppte vor einem Haus mit der Aufschrift Coiffeur. „Hier kriegen wir erst etwas ab 10 Uhr“, rief er enttäuscht. Doch da hatte der Dachs bereits gegenüber auf der Außenbestuhlung einer Bäckerei Platz genommen. Jetzt erst merkte ich, dass es mir überhaupt nicht mehr gut ging. Mein ganzer Körper juckte und war knallrot. Meine Finger waren angeschwollen. Im Gesicht war ich dagegen blass und mein Kreislauf fiel in den Keller. Ich musste mich auf den Asphalt legen, während sich die Kollegen in der Bäckerei mit ihrem Frühstück eindeckten. Alarmiert kam die Bäckerin rausgerannt und schickte mich zur nahegelegen Apotheke. Von dort wurde ich direkt zum Arzt weitergeschickt. Ein paar Extrakilometer, um die mich die anderen jetzt sicher beneideten. Osenberg hatte diesen Braten aber gerochen und bot sich als Begleitung an. Ich schätze, es ging ihm dabei nur um die zusätzlich gefahrene Strecke.

Der Arzt sprach nicht besonders gut Deutsch. Blutdruck wurde gemessen, dann die Atmung kontrolliert. „Das Maul ist in Ordnung, Schnaufen funktioniert“, diagnostizierte der Doktor. Er wollte mir verschiedene Tabletten verschreiben. Das hatte Osenberg natürlich mitbekommen und fing an, einen Riesenradau zu veranstalten. Osenberg behauptete, eine Ameise hätte ihn gebissen. Er simulierte eine Allergie und verlangte nach einer sofortigen Cortisonspritze. Der sprachlich überforderte Arzt hatte wohl Ameisenbär verstanden und jagte Osenberg die gewünschte Spritze in dessen Hintern. „Das macht Sie müde“, warnte der Arzt. Ich sah den Schreck in Osenbergs Augen. Zu spät, das Cortison war drin. Mit den Worten: „Fahren Sie langsam!“, entließ uns der Arzt.

Nachdem ich mich in der Apotheke mit Medikamenten versorgt hatte, kamen wir wieder bei den vor der Bäckerei wartenden Freunden an. „Weiter geht´s!“, kommandierte der Dachs ungeduldig. Mein Frühstück fiel leider aus, denn ich hatte mich entschlossen, weiter mit den anderen Richtung Strassbourg zu fahren.

Wochenlang hatte ich zuletzt an meinen Rückenschmerzen laboriert. Der Rücken war für mich aber nun absolut kein Thema mehr. Ich konzentrierte mich jetzt nur noch auf mein inneres Wohlbefinden, anstatt auf meinen Anteil an Führungsarbeit. Das Cortison schien bei Osenberg seine volle Wirkung zu entfalten. Vorne wurde mächtig Druck gemacht, meine Atmung hatte genug damit zu tun, Anschluss zu halten.

Vor dem Strassbourger Münster gab es noch ein Mannschaftsfoto, bevor wir uns am ersten Haus des Platzes zu einem Flammkuchen niederließen. Cerny bestellte sich als einziger ein blutiges Steak. Und Osenberg trank zwei Bier. „Ob sich das mit Deiner Cortison-Spritze verträgt?“, flüsterte ich ihm vertrauensvoll warnend zu. Sein böser Blick brachte mich umgehend zum Schweigen.

Auf der Rückfahrt zeigte ich mich wieder öfter im Wind. Aber kaum fuhr ich vorne neben dem Dachs in Doppelreihe, zog er das Tempo immer mehr an. Bis schließlich alle am Anschlag fuhren. Danach kam Osenberg neben mich und machte dasselbe Spielchen mit mir. Als Cerny vorne fahren sollte, schlug er vor, zu kreiseln.

Normalerweise navigiere ich auf solchen Fernfahrten ja ganz Oldschool mit zuvor auf einen Zettel gekritzelten Ortsnamen. Diesmal nutzte unsere Gruppe KOMOOT. Was dazu führte, dass wir anstatt über Durchgangsstraßen zu rasen, ständig um tausend Ecken und auf holprige Nebenwege mussten. „Klingel!“, rief uns ein älterer Freizeitradler zu, der uns auf einem schmalen Radweg entgegenkam. „Du kriegst gleich eine Klingel!“, brüllte Osenberg ihn an.

Die Tour konnte trotz meiner allergischen Reaktion auf den Bienenstich erfolgreich beendet werden. Ich kenne aber Leute, die nach einem Insektenstich mit einem Hubschrauber aus dem Rennen geholt werden mussten. Ohne dass sie den Flug noch irgendwie hätten genießen können. Auch der Traum vom Ötztaler kann bei so einem Zwischenfall ganz schnell zu Ende sein. Cerny hat deswegen noch ein paar sehr wichtige Tipps für Euch, wie man sich als Radrennfahrer vor Insektenstichen schützen kann: Keine bunten Trikots! Das zieht Bienen an wie Blüten. Schwarze Kleidung dagegen wirkt wie der Schatten eines jagenden Falken. Fahrt nicht zu nah am Fahrbahnrand, wo die Insekten gerne im Gras sitzen! Fahrt nie vorne im Wind! Trainiert besser nur nachts oder bei Regen! Dann fliegen die Bienen nicht. Ich selber trage zum Schutz eine Sonnenbrille mit besonders großer Glasfläche der empfehlenswerten Marke 100%. Und zukünftig setze ich keine aufgeschnittenen Mützen mehr auf.

In Strassbourg hatte mir übrigens der Dachs angeboten, meine Medikamente für mich zu transportieren, weil meine Trikottaschen so voll waren. Bis heute habe ich die Sachen nicht zurückbekommen. Ich fürchte, der Dachs wollte sich bloß auf meine Kosten für den Ötztaler reichlich mit Antihistaminen und Cortison eindecken. Es wird ihm aber nichts nutzen. Das dazugehörige Rezept wurde auf meinen Namen ausgestellt.

Als ich am Ende des Tages nach 310 km mein Rennrad zuhause an die Wand lehnte, war mein Hinterrad platt – Zufälle gibt’s!

Marbod Jaeger, Kolumnist, fährt jährlich mehr als 25.000 km Rad, immer auf der Suche nach neuen Stories. Einige davon finden sich in jeder fahrstil-Ausgabe wieder oder in seinen Büchern, erschienen im Delius Klasing Verlag.