Der Weg zum perfekten Ötztaler – Folge 11

Für viele Hobbyradsportler sind die 238 km und 5.500 hm des Ötztaler Radmarathons das Maß aller Dinge. Einer, der am 2. September 2018 in Sölden am Start steht, ist Marbod Jaeger. Alle zwei Wochen nimmt er uns mit auf den Weg zum perfekten Ötztaler – eine Chronik der idealen Wettkampfvorbereitung.

Text und Fotos: Marbod Jaeger

Vor acht Jahren besuchte mich Anton in Heidelberg. Ein sehr guter Fahrer, den ich damals bei Trondheim-Oslo kennenlernte. Es gibt da übrigens ein sehr schönes Foto von ihm, wie er bei Rund um Köln auf der Rheinbrücke kurz vor dem Ziel allein in tief gebückter Haltung der jagenden Spitzengruppe davonfährt. Anton sagte mir während seines Besuchs, ich solle meinen Sattel 2 cm runter stellen. Der Dachs fand ja sowieso, dass ich zu viel auf dem Rad rumwackeln würde. Also habe ich meinen Sattel weisungsgemäß verstellt. Den guten Rat befolgend konnte ich der neuen Sitzposition etwas abgewinnen.

Doch eine Woche später kam ich die Hügel um Ochsenbach überhaupt nicht richtig rauf. Da erst fiel mir auf, dass es sich anfühlte, als würde ich auf einem Kinderrädchen, oder besser noch wie auf einer Bierkiste hocken. Auf jenem Streckenabschnitt zwischen Maisbach und Ochsenbach habe ich den Sattel dann wieder in seine heilige Position zurückgebracht. Never change a running system!

In Vorbereitung auf den Ötztaler war Osenberg nun beim professionellen Bikefitting. Hellauf begeistert berichtete er mir von Bettinas Bikefitting-Künsten. Ich hatte gestern meinen Termin. Bettina war nicht da. Mein Ansprechpartner war ihr Kollege Spencer. Der hatte bisher angeblich Froome und ähnliche Kaliber auf seiner Liege gehabt. Um die Kommunikation zu vereinfachen wechselten wir in die englische Sprache. Möglich, dass ich nicht alles verstanden habe. Schon oft war ich bezüglich Radsport lustlos und unmotiviert. Doch dem Ende meiner eigenen Karriere war ich noch nie so nah wie ab dem Moment, wo Spencer mir eröffnete, dass mein linkes Hüftgelenk vollkommen blockiert sei. Bei jeder Trittbewegung würde sich der halbe Rücken krümmen. Er gab mir die Visitenkarte eines Chiropraktikers in Mannheim. Zweiseitiger Farbdruck, edles Papier, hohe Grammatur, gute Haptik, partielle Veredelung, glänzende Pantone-Töne. Dass man mitten in der Mannheimer Innenstadt nur schwer einen Parkplatz findet, steht auf einer anderen Karte.

Doch Spencer ließ nicht locker. Er stellte mir den Sattel meines Simplon Pavo wieder auf Antons Position. Und dann kam sein Todesstoß: mein neues Canyon Aero sei eine Nummer zu klein. Er hat überhaupt nicht erst damit angefangen Dinge zu verstellen. Ich soll es wieder verkaufen. Dabei will ich doch den Ötztaler mit dem Canyon Aero fahren.

Abgerechnet hat Spencer mir trotzdem einen Termin mit 2 Rennrädern. Obwohl ich bei der Hinfahrt angenehm überrascht war, wie geräumig mein neu geerbter Kleinwagen ist, und wie gut zwei Rennräder hineinpassen, war ich nach dem Termin derart unkonzentriert, dass ich mir beim Einladen der Rahmen mehrere fette Ölflecken der Kettenblätter in den Himmel des Autodachs tätowierte. Vielleicht wurden die ungenauen Bewegungen aber auch durch ein blockiertes Hüftgelenk verursacht?

Ist Bikefitting vor einem anstehenden großen Rad-Event wie dem Ötztaler empfehlenswert? Mein Fazit:

–          ein neuwertiger Autoinnenraum wurde ziemlich versaut.

–          mein bisher teuerstes Rennrad muss nun vermutlich weit unter Preis wieder verkauft werden.

–          hoffentlich komme ich nicht auf die Idee, mit der neuen Sitzposition die Strecke Maisbach-Ochsenbach zu fahren.

Ein bisschen erinnert mich die Sache an meine Konsultation von Dr. Hirsch. Ich wusste es damals schon vorher, dass mich der mir von Osenberg aufgezwungene Leistungstest nicht unbedingt schneller machen würde. Das Ergebnis der Auswertung brachte mich erwartungsgemäß nicht viel weiter. Ich fuhr ja sowieso selten mit Pulsmesser.

Was hatte ich gestern erwartet? Vielleicht hatte ich gedacht, Bettina würde irgendwo den berühmten mythischen Millimeter finden. Und ich könnte danach das Timmelsjoch in Jahresbestzeit fahren. Stattdessen wurden nun auch meine  Schuhplatten unvorteilhaft verstellt.

„Du bist kein Sprinter.“, stellte Spencer unmissverständlich klar. Dass ich alle meine bisherigen Strava-KOMs auf Sprintsegmenten verbucht habe, interessierte Spencer nicht. Ob Osenberg mich nur deshalb zu diesem Bikefitting geschickt hat, um mich als Rivalen beim Ötztaler auszuschalten? Als ausgemachter Sprinter hätte ich beim Ötztaler ohnehin nur geringe Chancen. Ich muss mich also wieder mehr auf´s Training am Berg konzentrieren. Im Wiegetritt wird die Sitzposition sowieso nebensächlich.

Marbod Jaeger, Kolumnist, fährt jährlich mehr als 25.000 km Rad, immer auf der Suche nach neuen Stories. Einige davon finden sich in jeder fahrstil-Ausgabe wieder oder in seinen Büchern, erschienen im Delius Klasing Verlag.