Der Weg zum perfekten Ötztaler – Folge 15

Für viele Hobbyradsportler sind die 238 km und 5.500 hm des Ötztaler Radmarathons das Maß aller Dinge. Einer, der am 2. September 2018 in Sölden am Start steht, ist Marbod Jaeger. Alle zwei Wochen nimmt er uns mit auf den Weg zum perfekten Ötztaler – eine Chronik der idealen Wettkampfvorbereitung.

Text und Fotos: Marbod Jaeger

Auf die Sekunde genau 4 Uhr klingelt Osenbergs Wecker. Volle Lautstärke. Durch das geöffnete Schlafzimmerfenster wird die gesamte Nachbarschaft mit einem schrillen Dauerton beschallt. Es ist noch dunkel an diesem frühen Samstagmorgen. Osenberg beschließt deshalb, dass Sonnencreme heute nicht notwendig ist. Während er Biomüsli in sich reinschaufelt, tippt er nebenher eine letzte Botschaft in die Whatsapp-Gruppe. Erinnerung an Treffpunkt und Abfahrtszeit für die große Schwarzwaldrunde. Kandel, Schauinsland, Belchen, Wiedener Eck, Stohren. Ein letzter großer Formtest vor dem Ötztaler. 
Wie üblich hat Osenberg neue Gesichter eingeladen. Zwei absolut durchtrainierte Athleten, deren braungebrannte Oberschenkel erschreckende Ausmaße annehmen, stehen am Parkplatz im Glottertal. Beide sind sie langjährige Ötztaler-Veteranen, mit Zielzeiten von unter 8 Stunden. Ihre Begrüßung fällt etwas zurückhaltend aus. Man kann sich denken, was sie von einem halten. Schon ertönt Osenbergs Pfiff. Das Kommando zur Abfahrt. Osenberg spannt sich vor das Peloton und zwingt der Gruppe ein überhöhtes Anfangstempo auf. Die zwei Neuen halten sich hinten im Windschatten. Doch kaum beginnt der erste lange Anstieg auf den Kandel, leuchten ihre Trikots in der ersten Reihe auf. Scheinbar mühelos ziehen sie davon. Nur Osenberg kann ihnen folgen. Vorerst. 
Oben am Gipfel wird dann allerdings minutenlang auf einen der Neuen gewartet. Da scheint etwas mit seiner Tagesform nicht  zu stimmen. Das Spiel wiederholt sich an den nächsten Bergen. Wobei oben die Wartezeit immer länger ausfällt. Das schmeckt Osenberg natürlich überhaupt nicht. Zwar werden schwächelnde Fahrer, die schon von Umkehr faseln, von Osenberg zum Weiterfahren animiert, doch schlägt er dann vorne ein solches Tempo an, das seine vorherigen Worte zu Ironie werden lässt.

Bereits am Belchen sind die anfangs bedrohlich wirkenden Athleten nicht mehr mit auf dem Gruppenfoto. Rauf, runter, rauf, runter. Die Zeit vergeht wie im Flug. Es ist der vielleicht schönste Sommertag des ganzen Jahres. Die Gruppe läuft und harmoniert bestens. Osenberg lässt offen, ob es zum Schluss nochmal über den Kandel gehen soll. „Wenn die Beine noch wollen“, sagt Osenberg. Der Dachs beobachtet aus dem Augenwinkel seine Mitfahrer. Die 18 % Rampe der Stohrenstraße hat ihre Spuren hinterlassen. Oben am Notschrei ist kaum noch einer zu einem kleinen Sprint bereit. Doch das Finale steht unmittelbar bevor. Der leichte Anstieg hinauf nach St. Peter wird relativ verhalten gefahren. Osenberg scheint angezählt. Er streicht die abermalige Überfahrung des Kandel vom Plan. Genau das ist der Moment, wo der Dachs attackiert. Den ganzen Tag über war diesbezüglich bisher wenig passiert. Ich hatte mich gut gefühlt. Auch jetzt noch. Sofort steige ich dem Dachs hinterher. Er hat einen leichten Vorsprung, den er in einer kurzen Abfahrt noch etwas ausbauen kann. Dann biegt der Dachs in voller Fahrt rechts ab. Hinauf auf den Kandel! Hat er Osenbergs Ansage nicht verstanden? Ich jage dem Dachs hinterher, um ihn auf seinen Fehler aufmerksam zu machen. Da kommt er mir schon wieder mit einem Lachen im Gesicht entgegengeschossen. Der Rest der Gruppe ist an der Kreuzung natürlich richtig abgebogen und schon fast weg. Osenberg drückt vorne richtig drauf, während ich noch umständlich auf der schmalen Straße wenden muss. Vollspeed rast die Gruppe davon. Sie haben mich abgehängt. 4 Kilometer vor dem Ziel! Meine Sprinterqualitäten nutzen mir in der Verfolgung wenig. Wie konnte mir dieser Fehler passieren? Das muss ich beim Ötztaler unbedingt vermeiden. Vielleicht bin ich auch einfach zu fett? Ich muss dringend abnehmen! Die verbleibenden zwei Wochen bis zum Start des Ötztalers werde ich so gut wie nichts mehr essen!



Marbod Jaeger, Kolumnist, fährt jährlich mehr als 25.000 km Rad, immer auf der Suche nach neuen Stories. Einige davon finden sich in jeder fahrstil-Ausgabe wieder oder in seinen Büchern, erschienen im Delius Klasing Verlag.