Der Weg zum perfekten Ötztaler – Folge 16

Für viele Hobbyradsportler sind die 238 km und 5.500 hm des Ötztaler Radmarathons das Maß aller Dinge. Einer, der am 2. September 2018 in Sölden am Start steht, ist Marbod Jaeger. Alle zwei Wochen nimmt er uns mit auf den Weg zum perfekten Ötztaler – eine Chronik der idealen Wettkampfvorbereitung.

Text und Fotos: Marbod Jaeger

Manche Leute halten den Ötztaler vielleicht für ein Rennen. Aber das ist er nicht. Jeder Teilnehmer kann die Strecke in seinem Tempo fahren. Es besteht kaum die Gefahr hinter den Besenwagen zu fallen und aus dem Rennen genommen zu werden. Selbst wenn Ihr bereits in der 17 % Rampe am Kühtai solltet schieben müssen, wird Euch der Fahrer des Besenwagens nicht zum Einsteigen nötigen, sondern mit freundlichen Worten zum Weitermachen motivieren. Sofern keine ärztlichen Bedenken vorliegen, versteht sich. Doch obwohl die Losung für den Großteil der Teilnehmer das Wort Finisher ist, wird vorne natürlich Rennen gefahren. Die Grenze, wo vorne ist, ist dabei fließend. Deshalb sind alle ja auch so nervös.

Manche Leute glauben auch, ich würde mir das alles nur ausdenken. Ich möchte an dieser Stelle deshalb mal darauf hinweisen, dass der Wahrheitsgehalt meiner Stories bei 99 % liegt. So wurde ich zum Beispiel gerade mehrfach gefragt, ob ich nicht einen Betreuer an der Strecke stehen hätte, der mir und insbesondere ihnen Trinkflaschen reichen kann. Diese Frage wurde mir von denselben Leuten gestellt, die mich beim kleinsten Problem, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, eiskalt stehen lassen würden.

Bei meiner Trainingsfahrt gestern Abend zum Darsberg tauchte Cerny neben mir auf. Eigentlich ein angenehmer Zeitgenosse. Aber wenn ich mich am Berg bereits anstrengen muss, und ich mich zusätzlich noch auf seinen tschechischen Dialekt konzentrieren muss, ist das echt nervig. Trotzdem nutze ich die Gelegenheit und fragte ihn um Rat. Cerny fährt ja auch dieses Jahr beim Ötztaler mit. Allerdings wie immer ohne Startnummer. Er möchte sich „nur tästen“.

Cerny sagte jedenfalls zu mir: „Du bist kein Siegfahrer.“

„Was?!“

„Du bist ein Hälfär!“

„Wie bitte?“

Je steiler die Straße wurde, desto mehr Mühe hatte ich, ihn zu verstehen. Ein Helfer? Diesbezüglich hatten Osenberg und der Dachs bereits auch schon bei mir angefragt. Ich hatte rigoros abgelehnt. Aber Cerny hat recht, ohne Helfer wird es schwierig mit einem Sieg. Radsport ist Mannschaftssport. War es nicht so gewesen, dass ich damals bei meiner persönlichen Bestzeit am Jaufenpass die Hilfe eines erfahrenen Ex-Profis erhielt? Nein, die Rede ist nicht von Cerny. Es sieht momentan auch leider sehr danach aus, dass dieses Jahr von prominenter Seite nicht mit Hilfe zu rechnen ist. Mein handgeschriebener Brief an dessen Anwalt blieb bisher unbeantwortet.

Was ist überhaupt Erfolg? Osenberg redet zwar von Sieg. Aber was genau er eigentlich anpeilt, lässt er offen. Bester seiner Altersklasse? Bester Fahrer in Turnschuhen? Der Dachs macht es sich einfach. Er will einfach nur vor Osenberg und mir ins Ziel kommen. Doch was kann ich gewinnen? In der Helferrolle könnte ich bestimmt besser abschneiden. Als Siegfahrer muss man mental erstmal mit dem hohen Druck klarkommen. Ich werde mir ein Ziel aussuchen, bei dem ich mich am Ende auf jeden Fall wie ein Sieger fühlen kann. Einfach nur zu finishen ist nicht genug. Zu zweit zu finishen klingt da schon nach mehr. Mal sehen, ob mir da noch eine Strategie einfällt. Spätestens, wenn ich erstmal unterwegs bin…

 

Bevor sich Cerny gestern von mir verabschiedete, machte er mich noch auf ein großes Versäumnis in meiner Vorbereitung aufmerksam. Ich hatte diesen Sommer so gut wie keine Regenfahrten absolviert. Und Cerny hatte beobachtet, wie Osenberg bei sich an der Straßenecke mit einem Gartenschlauch stand, um die Fahrbahn zu wässern. Danach raste Osenberg immer wieder in starker Schräglage um die nasse Ecke. Eine Situation also, wie man sie üblicherweise auf der Abfahrt vom Kühtai zu erwarten hat. Oje, wo soll ich denn jetzt noch Regen herbekommen? Himmel hilf!

Marbod Jaeger, Kolumnist, fährt jährlich mehr als 25.000 km Rad, immer auf der Suche nach neuen Stories. Einige davon finden sich in jeder fahrstil-Ausgabe wieder oder in seinen Büchern, erschienen im Delius Klasing Verlag.