Von Kopf bis Schnürsenkel

Giro schwingt sich auf, den Wechsel vom Helmspezialisten zum Komplettanbieter von Kopf bis Fuß zu vollziehen. Dabei setzt der kalifornische Hersteller auf altbewährte Stärken: Innovation und Kreativität. Wie die einfallsreiche Vision zum Produkt wird und welche Rolle Radfahrerinnen dabei innehaben, dem ist unser Autor nachgegangen.

Text und Interview: Micha Ziegler

Fotos: Kay Tkatzik, Giro/ J.Watson, Falk Wenzel

Kalifornien und seine Garagen. Manchmal, wenn Besessenheit und Genialität hinter dem Rolltor kollidieren und die Sterne günstig stehen, dann können sie zu einem magischen Ort werden. Wir alle kennen sie, diese romantisierten Erfolgsgeschichten von den sogenannten Garagenfirmen, von Apple, Google oder Hewlett Packard. Allesamt wurden sie einst von getriebenen Tüftlern aus den dunklen Hinterzimmern des Silicon Valley ans Licht gebracht. Was heute gerne mit dem nach vorne gehenden Terminus Start-Up gelabelt wird, strebte zur ersten großen Tech-Welle nicht minder dynamisch nach Innovation und Fortschritt, egal ob das Endprodukt den Kopf entlasten oder ihn schützen sollte. Keine 60 Kilometer südlich des informationstechnischen Epizentrums hatte 1985 in einer Garage in Soquel, einem Vorort der Surfer-Enklave Santa Cruz, eine ganz ähnliche Geschichte ihren Ursprung.

Der eigene Antrieb, sich durch technisch überlegenes Material von der Konkurrenz abzusetzen, rückt die damals relativ schweren, kaum belüfteten, geschweige denn optisch ansprechenden Fahrradhelme in den Fokus des ehemaligen Cyclocross-Landesmeisters Jim Gentes. In seiner Garage experimentiert er mit Thermoplast-Kunststoffen und Lycra-Überzügen; er weiß auch schon, wie seine Firma heißen soll. Auf der Messe Long Beach Bike Show präsentiert der Vollblut-Racer den Prototypen des – so wird man ihn später nennen – ersten echten modernen Sporthelms, den Giro „Prolight“. Die Heimreise tritt Gentes mit Vorbestellungen im Wert von gut 100.000 Dollar an.

ACHT SEKUNDEN: WILD UND WINDSCHNITTIG
Der Start ist geglückt, aber es gibt keinen Grund, sich auszuruhen. Kurz darauf, befeuert von der wachsenden Popularität des Triathlonsports, folgt der aerodynamisch optimierte Helm „Advantage“. Als die Firma der Garage entwächst, verlieren sich Schaffensdrang und kreative Denke glücklicherweise nicht in irgendwelchen Umzugskisten. Auf dem Kopf eines ähnlich progressiv gepolten Amerikaners sorgt Giro dann im Jahr 1989 auch in Europa für Schlagzeilen: Auf die letzte Etappe der Tour de France nimmt Greg LeMond ganze 50 Sekunden Rückstand auf den führenden Franzosen Laurent Fignon mit, welcher das 25 Kilometer lange Einzelzeitfahren von Versailles nach Paris ohne Helm und mit dem üblichen Bullhorn-Lenker am Zeitfahrrad antritt. Ob am Ende Giros windschnittige Tropfenform des Modells „Aerohead“, der ebenso revolutionäre Einsatz des Triathlon-Lenkeraufsatzes oder einfach nur die besseren Beine LeMond eine 58 Sekunden schnellere Zeit fahren ließen – wer weiß? Der kalifornische Entdeckergeist trug sicher seinen Teil zum knappsten Tour-Sieg aller Zeiten bei.

Giro hat sich seinen Namen als Pionier und Innovator des Fahrradhelms zementiert. Um 1990 blüht die Fahrradlandschaft Kaliforniens prächtiger denn je, wozu auch die neue Artenvielfalt abseits der Straße kräftig beiträgt. Das Mountainbike ist angekommen und am Firmensitz in Santa Cruz baut man weiter auf den bewährten Innovationstreiber – die eigene Leidenschaft für das Fahrrad, die sich keineswegs auf schützende Kopfbedeckungen beschränkt, wie eine weitere kleine, doch wegweisende Idee im Jahr 1993 zeigt. Bis dato besaßen Plastiktrinkflaschen eine deutlich kleinere Öffnung als aktuelle Modelle – unnötig unpraktisch beim Auffüllen. Der eher irrelevant scheinenden Tankthematik begegnete man bei Giro mit dem Modell Bottle Rocket, der ersten „Wide-Mouth“-Trinkflasche mit deutlich größerer Öffnung – damals Avantgarde, heute Industriestandard.

EIN SCHRITT ZURÜCK UND ZWEI NACH VORN
Im gleichen Jahr muss man dem rasanten Tempo, in dem Gentes und sein Team die Produkte weiterdenken, erstmals Tribut zollen. Aufwendig entwickelt und groß lanciert wirft man den „Fat Hat“ auf den Markt. Der Radhelm im Look einer überdimensionierten Baseball-Mütze soll die Kids und Jugendlichen für das Thema Sicherheit sensibilisieren – cool aussehen, mit Helm. Erstmals versagt das sonst so gute Gespür dafür, was die Leute wollen. Der Fat Hat floppt. Allerdings ist der nächste Entwicklungsschritt wieder ein echter Meilenstein. Während andere Hersteller nach der perfekten Helmform(el) suchen, arbeitet Giro an der Idee, jeden Helm an jede beliebige Kopfform anpassen zu können. Die neue Technologie hört auf den Namen „Roc Loc“ und verspricht, den Helm am Verrutschen zu hindern und ihn auch bei ruppigen Fahrten sicher in Position zu halten. Erreichen will man das mit verstellbaren Gummibändern und Pads, die den Helm zusätzlich innen und am Hinterkopf fixieren. Dabei wird ebenso darauf geachtet, dass sich das System auch gut mit langen Haaren oder Pferdeschwanz tragen lässt – „ponytail compatibility“ versteht sich von selbst, hier an der Westküste. Mit noch größerer Selbstverständlichkeit verfügt jeder sportorientierte Fahrradhelm heute über ein derartiges Fit-System. Im Jahr 1994 hingegen finden sich die Kalifornier erneut in der Vorreiterrolle wieder und handeln sich dort anfänglich viel Spott und Gehässigkeiten ein. Jedoch, Roc Loc kann überzeugen und seine technischen Eigenschaften besonders in der boomenden MTB-Gemeinschaft unter Beweis stellen.

WACHSTUMSCHANCE WINTERSPORT
Die mittleren Jahre der 1990er wird kontinuierlich am Produkt weiterentwickelt. Mittlerweile hat Jim Gentes seine einstige Garagenfirma an einen großen Wettbewerber verkauft; ist aber selbst weiter mit an Bord. Und Giro? Das sind weiterhin die innovativen Bike-Nerds aus Santa Cruz. Die, die ihre radfahrenden Freunde und deren Freunde als Erste um Produkt-Feedback bitten. Die, die von ihren Ideen überzeugt sind und damit manchmal an Marktgesetzen scheitern. Die, die den Wert ihrer kreativen Freiheit kennen. Dieses Werts sind sich auch die neuen Besitzer bewusst. Und das soll auch bis heute so bleiben. Die Jahrtausendwende rückt näher und auch Giro steht ein neues Kapitel bevor. In der Surf-Stadt hat man beschlossen, künftig auch Wintersporthelme zu entwickeln. Helme werden zu jener Zeit nur von Rennläufern getragen, die Großzahl der Skifahrer und Snowboarder kennt das Risiko nicht oder es ist ihnen egal. Für Giro geht es nun zwar unter Null, der Impuls bleibt aber der gleiche: Damit die Sportler sich auf den Sicherheitsaspekt Helm einlassen, müssen die Modelle leichter, komfortabler und schöner werden. Stylisch. Was der Markt hergibt, ist schwer, man schwitzt darunter und das Design … nun ja, Geschmackssache. Im Jahr 1999 präsentiert Giro den „Nine“, den „ersten coolen Ski-/Snowboard-Helm“, wie man selbstbewusst behauptet. Die Transferleistung ist erbracht und der Coup gelingt – von nun an hat die Saison zwölf Monate und das Unternehmen gut zu tun. Nach wie vor auch mit den Radhelmen, die stetig weiterentwickelt werden. In die Produktpalette kommt aber erst ein Jahrzehnt später wieder Bewegung. Mit Fahrradhandschuhen baut Giro 2008 sein Sortiment aus, ein Jahr darauf dann die Firmenzentrale. Mit dem Umzug in das zehn Kilometer entfernte Scotts Valley arbeitet man nun unter einem Dach mit Bell und Blackburn. Der weitaus größere Schritt folgt dann 2010: Erstmals kann man das Giro- Logo auch auf Radschuhen finden.

Wir drehen einmal am Globus und einmal an der Uhr. Eurobike 2017, Messegelände Friedrichshafen. Das Fachpublikum schiebt sich durch die Gänge, um die Neuheiten für die nächste Saison zu begutachten. Ich befinde mich in einem kleinen Besprechungsraum auf der Rückseite des gut besuchten Giro­Messestandes. Auf dem Stehtisch liegen zwei Visitenkarten; auf der einen steht „Creative Director“, sie gehört Eric Horton. Mit Wurzeln im Industriedesign arbeitet er vorrangig an der Form des Produktes. Die andere Karte hat Eli Atkins abgelegt, er ist Leiter der Grafikabteilung und damit verantwortlich für die Haut, die die Form bedeckt. Auch ohne Vorkenntnisse hätte mein Unterbewusstsein die beiden vermutlich sofort in Kalifornien eingeordnet. „Es ist schwieriger, Kreative zu managen als Ingenieure“, wird Eli später sagen. So wird mir im Laufe des Gesprächs verdeutlicht, dass sich Kreativität schwer im klassischen Frage-­Antwort­-Spiel festhalten lässt. Die ganze Geschichte gibt es in fahrstil #23.

 

#rideit
#readit